Ob konservativ oder spekulativ: Schwäche der Technologieaktien machte sich in allen Musterdepots bemerkbar
Performance ist nicht nur eine Frage des Risikos

Zwei Jahre Musterdepot gehen wie geplant nun zu Ende. Das von Handelsblatt.com und den Banken SEB (vormals BfG), DG Bank, Bankgesellschaft Berlin und Dresdner Bank initiierte Projekt war ein voller Erfolg. Das Ziel, die Auswirkung unterschiedlicher Anlagestrategien auf die Performance zu zeigen wurde erfüllt. Dabei kam es zu einigen Überraschungen.

DÜSSELDORF. Am 11. Juni 1999 traten die Bankgesellschaft Berlin, die SEB (damals noch BfG), die Dresdner Bank und Deutsche Genossenschaftsbank (DG Bank) mit jeweils 500 000 Euro Startkapital an. Ziel: Die Banken-Profis sollten für den Privatanleger nachkaufbare Modellportfolios managen, die jeweils eine andere Risikobereitschaft von konservativ bis spekulativ zu Grunde legten. Dass dabei nicht jede der vier entwickelten Strategien zur Vermögensbildung geeignet ist, zeigte sich schon recht bald. Spätestens als die Weltbörsen im Herbst 2000 nachhaltig drehten liefen die Performance-Charts der vier Musterdepots deutlich auseinander. Von Verlusten wurden alle Depots betroffen, doch die spekulative Strategie führte am stärksten ins Minus.

Konservatives Depot: Wie gewonnen, so zerronnen

Sicherheit schrieben die Anlagestrategen der Dresdner Bank bei dem von ihnen betreuten konservativen Handelsblatt-Musterdepot groß. Nicht der schnelle Gewinn und das höhere Risiko standen im Vordergrund, sondern das sichere Fundament und der "etwas längere Atem", erläutern Ludwig Schnieders, Leiter Portfoliobildung im Privatkundengeschäft, und Portfoliostratege Helmut Knott.

Für sicherheitsorientierte Investoren mit mehrjährigem Anlagehorizont bildeten die Anlagestrategen einen international ausgerichteten Renten/Aktien-Mix im Verhältnis 70:30 ab, eine ihrer Meinung nach optimale Vermögensaufteilung für langfristig orientierte Anleger. Das Verhältnis von zusätzlichen Renditechancen und zusätzlichem Risiko sei bei einer derartigen Aufteilung besonders günstig, hieß es zur Begründung. Denn die Schwankungen der Wertentwicklung nehmen im Vergleich zu einer reinen Rentenanlage nur in geringem Umfang zu, während der Wertzuwachs deutlich den der reinen Rentenanlage übertrifft. Zunächst ging diese Rechnung auch auf.

Die miserable Performance der Anleihemärkte im Jahr 1999 konnte die Dresdner Bank im Musterdepot noch durch gezielte Aktieninvestments ausgleichen. Doch am Ende (Stand: 5. September 2001) kam unterm Strich dennoch ein Verlust heraus: 3,35 % oder rund 17 000 Euro (bezogen auf das Startkapital von 500 000 Euro) büßte die Dresdner Bank bis zum Schluss ein. "Wir haben - wie viele andere auch - die Tragweite des Ratencrashs bei den Technologieaktien unterschätzt", begründet Ludwig Schnieders, warum das Depot leichte Kratzer abbekam. Die großen Kursabschläge hätten bei den Anlegern zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust geführt.

Spekulatives Depot: Schnelle Gewinne, schnelle Verluste

Einen gültigen Umkehrschluss zu der Erkenntnis gab es nicht: Ein hohes Risiko wurde während der Musterdepot-Laufzeit nicht mit höherer Rendite belohnt. Eine Erfahrung, die besonders das spekulative Musterdepot traf, dass von der SEB betreut wurde. Vor allem die seit Herbst 2000 anhaltende Schwäche der Technologie- und Internet-Werte machte den Anlagestrategen das Leben schwer. "Wir kaufen die Story und halten daran fest, auch wenn es mal runter geht", hatte Stefan Kopp von der SEB die Devise seines Hauses zum Startzeitpunkt beschrieben. Klassisches Stock Picking also. Das riskante Verfahren brachte dem Depot in der Folge schnelle Gewinne ein. Doch schon bald kamen die Verluste oft schneller, als die Depotmanager die Reißleine ziehen konnten. Zwar sicherte die Bank ihre Investments stets mit Stop-Loss-Marken gegen allzu große Verluste ab, doch speziell die Anlagen in Nasdaq- und Neue-Markt-Werte waren plötzlich eine Risikoklasse für sich. Zwar wies die Bank die meisten Transaktionen auf, doch die meisten Investments fuhren weitere Verluste ein, statt den erhofften Umschwung ins Depot zu bringen.

Das spekulative Musterdepot lag zu Beginn dieses Jahres bereits mehr als 24 % im Minus. Eine schnelle Besserung sei nicht in Sicht, erklärte zu diesem Zeitpunkt Depotmanagerin Tina Koch. "Ein Aufholen aus der Minuszone ist bei einem Chancendepot nur dann nachhaltig möglich, wenn sich die Wachstumswerte, das heißt Werte mit hohen Volatilitäten, wieder nachhaltig erholen", sagte sie und bewies damit Weitsicht. Auf die Trendwende warten nicht nur spekulativ ausgerichtete Anleger noch immer. Am Ende (Stand: 5. September 2001) blieben vom eingesetzten Kapital gerade noch rund 196 000 Euro bzw. annähernd 39 % erhalten. 61 % Verlust wurden überwiegend mit kurzfristigen Tradings am Neuen Markt realisiert.

Neutrales Depot: Aktienanteil riss Depot in die Tiefe

Dem "vorsichtig risikobewussten Investor" wollte die Bankgesellschaft Berlin mit ihrem neutral ausgerichteten Depot eine Musterstrategie bieten. Das Hauptaugenmerk galt der Streuung von Risiken. Dies geschah vor allem durch die Aufteilung des Grundkapitals auf Aktien und Renten im Verhältnis 50:50 und auch innerhalb der einzelnen Anlagen. So gingen die Berliner im Aktienbereich stets auf Distanz zu Einzeltiteln. Sie setzten bewusst auf den Marktdurchschnitt und investierten in den repräsentativen Index per Zertifikat. Mit jedem Zertifikat wurde so praktisch ein Gesamtmarkt (etwa Dax) im Portfolio abgebildet.

Doch auch das neutral ausgerichtete Musterdepot musste am Ende ein Minus verbuchen, sogar ein zweistelliges. Mit minus 62 000 Euro (bzw. minus 12,5 %) ging das selbstgesteckte Ziel von plus 7 bis plus 10 % auf Sicht von 12 Monaten nicht auf. Und das, obwohl gerade Anleiheexpertin Maria Kopitzki ein "gutes Händchen" beim Timing bewies: Das Renten-Segment des Depots befand sich fast permanent im Plus.

Ein etwas anderes Bild ergab sich jedoch bei den Aktien: Zwar setzte die BG nur auf vermeintlich sichere Zertifikate - und fuhr in puncto Kursgewinne zunächst gut damit. Doch als die Trendwende am Neuen Markt kam, zog das entsprechende Nemax-Zertifikat auch die Gesamt-Performance des Depots mit in die Tiefe - ein nachhaltiger Verlust, von dem sich das Depot trotz einiger Rettungsversuche der BG Berlin bis zum Laufzeitende nicht mehr erholen konnte. Dass das Depot nicht weiter ins Minus rutschte, ist der abwartenden Haltung von Stratege Karl-Wilhelm Homburg zu verdanken, der in den vergangenen Monaten keine nachhaltige Trendwende an den internationalen Aktienmärkten erkennen konnte und daher stets eine hohe Liquidität vorhielt.

Für die Aktienseite des Musterdepots kommt Timm Wege von der Bankgesellschaft Berlin zu der abschließenden Einschätzung: "Gerade nach Verlusttrades ist es manchmal besser, eine Zeit lang nicht investiert zu sein, um an die nächsten Entscheidungen mit einem kühlen Kopf herangehen zu können. Und immer gilt: Verluste begrenzen!"

Chancenorientiertes Depot: Keine Zockerei

An wen richtete sich das Angebot eines chancenorientierten Depots? „An jemanden, der höhere Wertschwankungen akzeptiert“, sagt Matthias Volkert, einer von vier Managern des gleichnamigen Musterdepots der DG Bank. Das chancenorientierte Portefeuille sei geeignet für „einen risikobewußten Anleger, der von einer langfristigen Überperformance von Aktien gegenüber Renten überzeugt ist“, erläutert die Bank ihre Strategie. Deshalb verschrieb sie sich für die anfängliche Aufteilung des Vermögens einen 70:20:10-Mix aus Aktien, Anleihen und Liquidität.

Die Depotmanager wiesen schon zu Beginn der Musterdepot-Berichterstattung deutlich darauf hin: Kurzfristige Verluste sind möglich, werden einkalkuliert, und der chancenorientierte Anleger sollte sie akzeptieren. Das hatte nichts mit Zockerei zu tun, aber: Keine Chance ohne Risiko. Die Bank setzte auf einen Mix aus Blue Chips aus dem Stoxx 50, Euro Stoxx 50, Dax sowie auf Werte aus den deutschen Nebenwertesegmenten MDax, Neuer Markt und dem Qualitätssegment Smax. Einem strengen Branchenansatz hatte sich die DG dabei nicht verpflichtet. „Wir haben die Stimmung anhand der Fundamentaldaten beurteilt und die technische Analyse für das richtige Timing eingesetzt“, sagt Volkert.

Unter Fundamentaldaten verstehen die Manager dabei das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Kurs-Cash- flow-Verhältnis sowie das KGV/Wachstums-Verhältnis. Technisch und quantitativ orientierte sich die Bank an Indikatoren wie der Relativen Stärke. Neben den fundamentalen Kriterien für Einzelwerte wurden die Anlageentscheidungen davon getragen, ob die zugrundeliegende Branche zuletzt eine bessere Entwicklung zeigte als die übergeordneten Marktindizes.

Stets legten die Depotmanager großen Wert auf Diversifizierung - also Riskistreuung (Bankenpapiere, Pharma- und Telekommunikationswerte sowie Konsum- und Automobilaktien). Für den Schuß - maßvolles - Risiko sorgten Nebenwerte. Ins Depot kamen nur Werte, deren Story zum jeweiligen Zeitpunkt stimmte.

Als es angesichts der schwachen TMT-Aktien (Telekommunikation-Medien-Technologie) zur Krise an den internationalen Märkten kam, zogen die Depotmanager rechtzeitig die Reißleine und betrieben aktive Schadensbegrenzung. Insgesamt gesehen zahlten sich die häufigen Transaktionen und der strategische Ansatz aus: Von den vier Musterdepots hat nur das chancenorientierte die Laufzeit im Plus beendet. Das Startkapital wurde (Stand: 5. September 2001) um 5,84 % auf rund 530 000 Euro erhöht.

Das Resüme der Bank: Ein ausgewogener Branchenmix ist die Grundlage für ein erfolgreiches Depotmanagement. Der Anleger ist auf der sicheren Seite, wenn er unabhängig von seiner Risikostruktur nicht auf Rot oder Schwarz setzt.

Alle Musterdepots auf einen Blick

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
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