Old Economy überzeugt mit starker Kursentwicklung, doch Bankexperten erwarten Rückschläge im nächsten Jahr
Für US-Industrieaktien wird die Luft dünn

Job-Abwanderung nach Indien hin, chinesische Billigimporte her – die altmodische US-Industrie trotzt den Negativschlagzeilen. Am Montag meldete das Institute for Supply Management den höchsten Stand seines ISM-Index seit Ronald Reagans erster Amtszeit als US-Präsident. Der Indexstand von 62,8 Punkten im November signalisiert, dass es dem verarbeitenden Gewerbe in Amerika so gut geht wie seit 1983 nicht mehr.

NEW YORK. Da scheinen die Strafzölle auf Stahleinfuhren, die US-Präsident George W. Bush verhängt hat, um die angeblich darbende Stahlbranche vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, unnötig. „Auf Basis dieser Daten scheint der Konjunkturaufschwung an Fahrt zu gewinnen“, sagt ISM-Volkswirt Norbert Ore.

Darauf haben die Aktionäre von US-Industriekonzernen schon lange gewartet. Die Aktienkurse von Firmen wie Caterpillar und United Technologies sind dem Gesamtmarkt bereits vorausgeeilt. Denn, so spekulieren die Anleger, irgendwann springt nach den US-Verbrauchern auch das zweite Standbein der Wirtschaft an: die Firmeninvestitionen. Und dann profitieren Unternehmen, die nicht primär von der Konsumnachfrage abhängen, sondern von den Ausgaben anderer Konzerne.

Die Zahlen lesen sich beeindruckend: Caterpillar, der Hersteller schwerer Bau- und Bohrmaschinen, hat in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 50 % zugelegt. Der breite Aktienindex S&P 500 schaffte in dieser Zeit nur 14 %. Der Mischkonzern United Technologies, der von Aufzügen über Flugzeugmotoren bis zu Hubschraubern fast alles herstellt, schaffte eine stolze Zwölfmonats-Performance von 40 %. Der ebenfalls breit aufgestellte Turbinen- und Flugmaschinenbauer Honeywell lag mit einem Plus von 16 % knapp über dem Gesamtmarkt.

Dennoch streiten die Analysten darüber, ob Aktien der „Old Economy“ in den nächsten Monaten überdurchschnittliche Zuwächse versprechen. Tobias Levkovich, US-Chefstratege der Citigroup- Sparte Smith Barney, beschreibt dIE Zwiespältigkeit vieler Experten: „Auf kurze Sicht dürften positive Konjunkturdaten und kräftig steigende Gewinne die Industrieaktien weiter antreiben. Aber 2004 werden die Konzerne die hohen Erwartungen nicht länger übertreffen können. Dann droht ein Rückschlag.“

Kenneth Shea, oberster Aktienanalyst der Ratingagentur Standard & Poor’s, dämpft die Hoffnung auf ein starkes Wachstum bei den Firmeninvestitionen. „Der Wettbewerb zwingt Unternehmen zwar, in Informationstechnologie zu investieren, um Arbeiter und Kosten zu sparen“, sagt Shea, „aber Fabriken und Büroarbeitsplätze werden weiter nach Indien und China verlagert, und die Leerstände in Bürogebäuden liegen schon jetzt weit über dem Durchschnitt“. Schwere Maschinen und Aufzüge lassen sich in solch einem Umfeld schwer verkaufen.

Auch Anlagestratege Dhaval Joshi von der französischen Bank Société Générale nimmt die wachsende Konkurrenz aus Schwellenländern, insbesondere Asien, ernst. „Die Industriestaaten haben einfach einen Kostennachteil, und der trifft vor allem das produzierende Gewerbe“, sagt Joshi.

Indes bestreitet kein Stratege, dass der zuletzt unerwartet kräftige Aufschwung der US-Wirtschaft besonders der konjunktursensiblen Industrie hilft. Und ein zweiter Faktor kommt derzeit der Branche zugute – der schwache Dollar. So berichteten viele Industriefirmen bei der ISM-Analyse erstmals seit langem über eine steigende Exportnachfrage. „Dazu hat der Verfall des Dollars wesentlich beigetragen“, sagte ISM-Volkswirt Ore.

Bleibt der Dollar schwach und die US-Konjunktur stark, dann haben die amerikanischen Industrieaktien noch Luft nach oben. Doch falls einer der beiden Trends dreht, „dann sollten Anleger nicht zögern, auf weniger konjunktursensible Aktien umzusteigen“, rät Citigroup- Stratege Levkovich.

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