Ordentliche Fundamentaldaten
Aktienexperten reden russische Börse stark

Der rasante Kursverfall russischer Aktien dürfte Fondsmanagern und Analysten zufolge bald beendet sein. Mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter sieben für 2009 sei der russische Aktienmarkt mittlerweile günstiger bewertet als jeder andere, sagt Odeniyaz Dzhaparov, Fondsmanager bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS.

LONDON/FRANKFURT. Dzhparaov, der den größten Russland-Fonds auf dem deutschen Markt leitet, rät Anlegern deshalb, ihr Geld nicht von der Börse in Moskau abzuziehen.

Am Donnerstag legte der russische Leitindex RTS rund vier Prozent auf über 1 650 Punkte zu. Am Dienstag noch war das Börsenbarometer im Handelsverlauf auf ein neues Zweijahrestief gefallen, nachdem Russlands Präsident Dimitrij Medwedjew die Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens anerkannte hatte. In den vergangenen drei Monaten war der RTS mehr als 30 Prozent abgesackt.

"Kurzfristig sollte man bei einem Investment in Russland zwar sehr vorsichtig sein", sagt Mauro Toldo, Schwellenländer-Experte bei der Dekabank. "Wir sind aber davon überzeugt, dass sich die politische Lage auf Dauer wieder stabilisieren wird. Die Fundamentaldaten sind weiterhin ganz ordentlich. Am hohen Ölpreis wird sich langfristig nichts ändern - das hilft der Moskauer Börse."

Allerdings mahnen die Aktienexperten zu Geduld. "Obwohl wir nicht erwarten, dass der Georgien-Konflikt gravierende ökonomische Folgen für Russland haben wird, wurde das Vertrauen der Investoren erschüttert", sagt Marcin Fiejka, Fondsmanager bei der Investment-Gesellschaft Pioneer. Die jüngsten Ereignisse dürften die Risikoprämien für Aktien steigen lassen, weil Investoren Spannungen zwischen Russland und anderen früheren Sowjet-Staaten befürchten. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass sich das Verhältnis Russlands zu den USA und Westeuropa weiter verschlechtern könnte.

Der Konflikt mit Georgien ist nicht das einzige Problem der Börse in Moskau. Aus ökonomischer Sicht bereiten laut Fiejka vor allem die rasant gestiegene Inflationsrate und die schlechten Rahmenbedingungen für Unternehmen Sorgen. Bereits vor dem Georgien-Konflikt hatte die Auseinandersetzung um das britisch-russische Joint-Venture TNK BP das Vertrauen westlicher Anleger erschüttert. Das Gemeinschaftsunternehmen gehört zu gleichen Teilen dem britischen Ölkonzern BP und einer Gruppe von vier russischen Unternehmern. Seit Wochen streiten die Anteilseigner öffentlich um die Kontrolle. In der vergangenen Woche reagierte BP empört auf die Absetzung des britischen TNK-Chefs Bob Dudley durch ein Moskauer Gericht.

Dennoch ist Fiejka davon überzeugt, dass sich der russische Aktienmarkt mittelfristig wieder erholen wird. Noch optimistischer ist Iwan Tchakarov von der US-Investmentbank Lehman Brothers. Der Georgienkonflikt habe das Vertrauen vieler westlicher Investoren zwar erschüttert, die robuste Lage der russischen Wirtschaft mache das Land aber weiterhin attraktiv für internationale Anleger. Das gelte selbst dann, wenn sich die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland dauerhaft abkühlen sollten. Kursverluste am russischen Aktienmarkt und eine Abwertung des Rubels würden deshalb von einigen Investoren eher als günstige Einstiegsmöglichkeit gesehen denn als Abschreckung.

Die Lehman-Experten gehen davon aus, dass die russische Regierung weiterhin "außenpolitischen Notwendigkeiten Priorität gegenüber dem Wohlergehen der Märkte einräumen" wird. Aber das heiße noch lange nicht, dass sich das Leben für westliche Unternehmen und Investoren, die sich in Russland engagieren wollten, über das bereits vertraute Maß hinaus weiter verkompliziere.

Die Deutschen Anleger haben nach Angaben der Fondsanbieter besonnen auf die Georgienkrise reagiert und keine Gelder aus Fonds mit russischen Aktien abgezogen. Allerdings haben sie in den vergangenen Tagen auch nicht weiter investiert.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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