Postbank gibt die Richtung vor
Investmentbanker hoffen auf goldenen Herbst

Investmentbanker, Berater und PR-Leute hatten Ende vergangener Woche bereits den Super-Gau vor Augen: „Hätte die Postbank ihren Börsengang (IPO) abgesagt, dann wäre das Jahr 2004 wohl gelaufen gewesen“, sagt ein Investmentbanker. Oder anders ausgedrückt: Nach zwei Jahren Flaute würde der deutsche IPO- Markt auch 2004 im europäischen Vergleich hinterherhinken.

FRANKFURT/LONDON. Schließlich wäre die Postbank der vierte von bis dato sechs Kandidaten gewesen, der in diesem Jahr seinen Börsengang abgesagt hätte. In der Branche ist man sich sicher, dass sich kaum ein Unternehmen auf dieses Vabanque-Spiel eingelassen hätte.

Doch mit der erfolgreichen Börseneinführung der Postbank – trotz aller schmerzlichen Einschnitte – keimt bei den Investmentbanken wieder Hoffnung auf. „Ich erwarte im Herbst schon noch einige Börsengänge“, sagt Stefan Sessler von der ING-BHF Bank. Dabei können seiner Ansicht nach durchaus auch Kandidaten auftauchen, die bislang auf keiner der vielen „Watchlists“ stehen. „Wir raten Unternehmen generell, nicht allzu früh mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Sessler. Der Grund dafür ist einfach: Wer seine Börsenpläne geheim hält, der ist flexibler in der Gestaltung seiner Emission und zudem vor lästigen Nachfragen sicher.

Eines ist indes jetzt schon klar. Die Anzahl der Unternehmen, die in diesem Jahr noch auf das Börsenparkett streben, ist nicht kleiner geworden. Die Mehrzahl der Investmentbanker und Berater geht davon aus, dass die nächsten Emissionen sogar noch vor der Sommerpause anstehen werden. Zu Jahresbeginn hatten die meisten Investmenthäuser mit einer zweistelligen Zahl von Börsenneulingen gerechnet. Die DZ-Bank hielt sogar 30 Neuemissionen für möglich.

Bis es so weit ist, müssen sich viele Börsenkandidaten noch an die schmerzliche Einsicht gewöhnen, dass zwischen dem fairen Wert für ihre Aktie und dem Preis, den die Börse dafür zu zahlen bereit ist, ein deutlicher Unterschied bestehen kann. „Der Markt ist im Moment nicht bullish, aber er ist für solide Unternehmen offen. Alles ist verkäuflich, wenn nur der Preis stimmt“, sagt IPO-Berater Olaf Schuth. Gewöhnen müssen sich die Unternehmen auch daran, dass vielfache Überzeichnungen der Aktien der Vergangenheit angehören.

Das sieht man auch international so: Aus der abgesenkten Preisspanne bei der Postbank folgern die Beobachter, dass der Markt nur offen für „vernünftig bewertete Firmen“ ist, wie es ein Kapitalmarktexperte einer britischen Bank sagt. Er bewertet das Hickhack um die Preisspanne der Postbank als klaren Einschätzungsfehler. Das Institut sei schlecht beraten gewesen und in der irrigen Annahme, dass die Fonds lediglich den Preis drücken wollten. Die Konsequenz daraus sei ein wesentlich höherer Abschlag als im Normalfall gewesen, der auch künftigen Börsengängen bei ähnlichen Fehlern drohe. „Normalerweise beträgt der IPO-Rabatt vom fairen Wert eines Unternehmens rund zehn Prozent. Muss man die Preisspanne korrigieren, kann er sich leicht auf 20 Prozent erhöhen.“

Auch international kehrt die Hoffnung auf das Börsenparkett zurück. „Das laufende Quartal ist das lebhafteste seit dem Ende der Dotcom- Ära“, sagt Tom Toubridge, Leiter der London Capital Markets Group des Wirtschaftsprüfers PWC. Mit 59 Börsengängen im April und Mai habe es in Europa schon jetzt mehr IPOs gegeben als im gesamten Vorquartal. Zudem haben die drei jüngsten großen Privatisierungsprojekte – neben der deutschen Postbank der französische Triebwerk-Hersteller Snecma und die italienische Enel- Tochter Terna – auch Privatinvestoren an die Börse gelockt.

Trotz des guten Marktumfeldes in den vergangenen Monaten erwartet der britische Branchenkenner „keine große Zahl von Deals vor dem dritten oder vierten Quartal“. Davor fallen Experten auf Anhieb ohnehin nur die französischen Gelben Seiten ein, die am 8. Juli an der Euronext notiert werden. Für Internetfirmen dürften Börsengänge auch in absehbarer Zeit schwierig bleiben. Tom Toubridge von PWC: „Die Leute interessieren sich nur für etablierte Unternehmen, die Gewinne machen und über einen hohen Geldzufluss verfügen.“

Die nächsten Börsenkandidaten

Hapag-Lloyd: Die Schifffahrtstochter des Reisekonzerns Tui hat in dieser Woche noch einmal ihre Börsenpläne bestätigt. Experten rechnen mit einer Erstnotiz noch im Herbst dieses Jahres. Die Aktie wäre ein potenzieller Kandidat für den MDax.
Tenovis: Der Telekommunikationskonzern gilt ebenfalls als Börsenkandidat für den Herbst. Genauere Daten fehlen jedoch noch.
Autobahn Tank & Rast: Der Betreiber der bundesdeutschen Autobahn-Raststätten wurde vor sechs Jahren vom Bund an zwei Großinvestoren verkauft. Im Herbst soll nun der Börsengang folgen. In Italien, Spanien, Frankreich, Portugal und der Schweiz sind die dortigen Raststätten-Betreiber bereits börsennotiert.
Sick: Der Hersteller von Industriesensoren aus dem Schwarzwald verfügt über solide Zahlen und ein erfahrenes Management und gilt unter Experten als einer der interessantesten Börsenkandidaten überhaupt. Der Börsengang könnte deren Schätzungen nach noch im diesem Jahr erfolgen.
Siltronic: Das Halbleiter-Unternehmen hatte im März seinen Börsengang abgesagt und will schon bald die Pläne wieder aus der Schublade holen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%