Ratssitzung am Donnerstag
Analysten warten gespannt auf neue EZB-Signale

Über das gesamte Jahr hinweg hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem Satz bestimmter Signalworte den Zeitpunkt ihrer Zinserhöhungen signalisiert. Viele Analysten rechnen damit, dass dieses Muster nach der für Donnerstag erwarteten sechsten Zinserhöhung seit Dezember 2005 durchbrochen wird.

HB FRANKFURT. Wegen der Unsicherheit über Konjunktur und Preisentwicklung könnte der Zentralbankrat etwas länger mit weiteren Schritten abwarten wollen - dies würde er mit einem Abgehen von der bisherigen Wortwahl signalisieren.

Das robuste Wachstum und die damit wachsende Inflationsgefahr veranlasste die EZB bislang zu fünf Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte, zunächst im Abstand von drei Monaten, seit Sommer dann alle zwei Monate. Ihre Absicht bekundeten die Währungshüter mit einer bestimmten Kaskade von Formulierungen: Drei Monate im Voraus hieß es, der Rat werde die Inflation „genau beobachten“, zwei Monate vor dem Termin wurde auf „sehr genau beobachten“ verschärft, um mit dem Versprechen „großer Wachsamkeit“ grünes Licht zu geben für die Zinserhöhung im folgenden Monat. Die große Mehrheit der Bankenvolkswirte lobte in einer Reuters-Umfrage das Schema von Schlüsselformulierungen, da die EZB damit die Markterwartungen sicher steuerte.

Doch nun kommt die EZB mit einem Leitzins von 3,5 Prozent nach Ansicht mancher Analysten in ein Terrain, wo die Geldpolitik nicht länger das Wachstum stimuliert. Zugleich ist ungewiss, wie stark die Konjunkturabkühlung in den USA, die Steuererhöhungen in Deutschland und Italien und der jüngste Anstieg des Euro den Aufschwung bremsen werden. Zwei Drittel der befragten Volkswirte prognostizierte trotzdem mindestens noch eine Zinserhöhung auf 3,75 Prozent bis März - das war allerdings, bevor der Euro zu einem Höhenflug ansetzte. In der von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vorgetragenen Erklärung werde der Rat deshalb die Möglichkeit weiterer Zinsschritte offen halten, über den genauen Zeitpunkt aber vage bleiben.

Die EZB darf sich bei wachsender Unsicherheit nach Ansicht von Veronique Riches-Flores, Volkswirtin von Societe Generale, nicht länger mit ihrer Rhetorik einengen. „Am besten hört die EZB mit den Wortspielen auf“, sagt sie. Trotzdem vermutet sie, die Währungshüter würden ihr sprachliches Ampelsystem nicht ganz aufgeben, da die Finanzmärkte ohnehin schon nervös seien. Dieser Meinung ist auch Silvia Pepino, Analystin von JP Morgan: „Die EZB wird wahrscheinlich nicht noch mehr Unsicherheit auslösen wollen, indem sie von den Märkten verlangt, sich an eine neue Kommunikation zu gewöhnen.“ Manche Analysten erwarten, dass die EZB auf Stufe eins, das „genaue Beobachten“ zurückschaltet. Der Rat könnte diese Formulierung im Januar wiederholen, wenn er noch nicht zu einer Zinserhöhung im März entschlossen wäre.

Philip Shaw, Analyst von Investec, glaubt, die EZB werde das Worte „beobachten“ weglassen, um den Zeitpunkt ganz offen zu lassen. Stattdessen könnten es die Geldpolitiker bei der schon bekannten Aussage bewenden lassen, bereit zu sein, alles Notwendige zu tun, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Auch Warnungen, die Zentralbanken dürften angesichts des jahrelang begrenzten Preisauftriebs nicht in „Selbstzufriedenheit“ verfallen - von Trichet nach dem jüngsten G10-Notenbankertreffen eingeführt -, könnten genug Nebel verbreiten.

Auch die Analysten von der Deutschen Bank leisten der EZB Formulierungshilfe. Die EZB drückte den Bedarf nach höheren Zinsen bisher mit dem Hinweis aus, die Zinsen seien niedrig, die Geldpolitik sei akkommodierend - also konjunkturstimulierend -, und diese Unterstützung werde weiter entzogen, wenn sich die Wirtschaft erwartungsgemäß entwickele. Thomas Mayer und Mark Wall schlagen vor, die Zinsen statt niedrig jetzt als „moderat“ zu bezeichnen. Und statt zu erklären, eine weitere Rücknahme der akkommodierenden Geldpolitik werde geboten sein, etwas milder im Konjunktiv zu formulieren, die Unterstützung „etwas“ weiter zurückzunehmen „könnte“ erforderlich sein.

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