Sorge vor politischen Eingriffen überlagert positive Zeichen
Anleger scheuen russische Aktien

Mut zum Risiko müssen Moskau-Investoren in erheblichem Maß mitbringen. Darüber sind sich fast alle Experten einig. Geteilt ist indes die Meinung, ob sich das Risiko auszahlt oder zu groß ist. Die Anleger schrecken jedenfalls vor russischen Aktien nach wie vor zurück.

MOSKAU/DÜSSELDORF.Nachdem sich der russische RTS-Index seit April deutlich von seinen Höchstständen gelöst hat, sehen Fondsmanager demgegenüber wieder gute Einstiegsmöglichkeiten.

Der Grund für die Zurückhaltung der Investoren ist schnell ausgemacht: Der Skandal um den Ölkonzern Yukos. Seit dessen Zwangszerschlagung dominiert am Finanzmarkt die Frage, ob Yukos ein Einzelfall bleiben wird, oder ob die inzwischen nachgereichten Steuernachforderungen gegen den britisch-russischen Ölförderer TNK-BP, den Flughafen Scheremetjewo oder die Russland-Tochter von Japan Tobacco International als Zeichen für kontinuierliche Eingriffe des Staates in den Markt zu werten sind. Die Experten der Fondsgesellschaft Hermitage Capital sind optimistisch: „Im Januar haben die US-Behörden eine zwei Mrd. Dollar große Strafe wegen interner Transferpreise gegen den Pharmariesen Glaxo-Smithkline erhoben und niemand hat danach über eine Verschlechterung des Investitionsklimas in Amerika geschrieben“, wehren sie sich gegen eine zu negative Sichtweise.

Doch Vizegeneralstaatsanwalt Wladimir Kolesnikow hat bereits angekündigt: „Yukos wird kein Einzelfall bleiben, wir haben noch viele solcher Fälle in unseren Schubladen.“ Gestern begann die Staatsanwaltschaft mit der Überprüfung der Ausgaben des Strommonopolisten UES.

Dem Investitionsklima haben die politischen Eingriffe deutlich geschadet: Im vergangenen Jahr haben sich die Kapitalabflüsse aus Russland mit 9,5 Mrd. Dollar vervierfacht. „Das Klima hat sich in Russland deutlich verschlechtert“, sagt Alexander Karpov. Nach Einschätzung des Leiters des Emerging-Markets-Teams bei Union Investment beruht die Eintrübung aber auf vielen einzelnen Faktoren wie dem Prozess um den früheren Yukos-Chef Chodorkowskij. Positiv wertet Karpov, dass es klare Zeichen gebe, dass die Regierung das Problem erkannt habe. Die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin sei nun darauf gerichtet, „das Image des Landes zu verbessern“, sagt er.

Auch andere Fondsmanager setzen auf ein Umdenken der Regierung. „Die russische Politik hat kein Interesse daran, ein schlechtes Investitionsklima zu haben“, sagt Steffen Gruschka, Leiter osteuropäische Aktien von DWS Investments. Auf Sicht von ein bis zwei Jahren geht er insgesamt von einer positiven Entwicklung in dem Land aus. Auch hohe Kapitalabflüsse seien nicht mehr zu erwarten, da viele internationale Investoren dem Markt bereits den Rücken gekehrt hätten.

Zu einer Rückkehr an die russische Börse könnte sie eventuell eine Liberalisierung des Gasmonopolisten Gazprom bewegen. Diese wird seit Jahren erwartet. „Russland-Investoren haben sich bis unter die Decke mit Gazprom-Papieren voll gestopft und starren in Hoffnung auf eine Liberalisierung wie ein Kaninchen auf die Schlange RTS-Index“, sagt ein Moskauer Analyst, der ungenannt bleiben will. Der Staat will bei Gazprom bis zur Hauptversammlung am 24. Juni seine Beteiligung von bisher 38,4 Prozent zur Kontrollmehrheit aufstocken. Im Gegenzug dazu soll die Trennung der Aktien in lokale Titel und im Westen gehandelte Papiere wie American Deposit Receipts (ADR) fallen. Auch die Beteiligungsobergrenze für ausländische Investoren soll aufgehoben werden.

Als weiteren Anreiz für Anleger führen Experten die günstige Bewertung der russischen Börse an. „Russland ist noch immer einer der billigsten Märkte“, sagt Hermitage-Chef Bill Browder. Die Aktien sind laut Karpov mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben bis acht selbst im Vergleich zu anderen osteuropäischen Handelsplätzen noch sehr günstig. Allein für 2005 sieht er ein Kurspotenzial von zwanzig Prozent. Zurzeit befinde sich der Markt in einer Konsolidierungsphase, viele Investoren warteten mit einem Einstieg. „Russland ist in vielen Portfolios noch untergewichtet“, sagt Karpov.

„Jede Menge Potenzial“ spricht auch DWS-Mann Gruschka dem russischen Aktienmarkt zu – nicht zuletzt wegen der Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten. Positive Entwicklungen erwartet er bei Blue Chips wie der Ölgesellschaft Lukoil oder Norilsk Nickel, aber auch bei der regionalen Ölaktie Tatneft oder dem Pipelinebetreiber Transneft.

Fondsmanager Florian Fenner von UFG Asset Management in Moskau erwartet einen „guten Herbst“ für russische Aktien, sieht im Moment aber wenig Spielraum für Bewegung: „Die Glaubwürdigkeit von Präsident Putin liegt so am Boden, dass die Börse erst wieder auf positive Nachrichten aus dem Kreml reagiert, wenn sie tatsächlich umgesetzt worden sind.“ So lange heiße es: Abwarten!

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