Spitzenposition
Bovespa nutzt Boom in Brasilien aus

Es war nicht nur der größte Börsengang Lateinamerikas seit Jahren, auch weltweit nahm der IPO der brasilianischen Börse Bovespa in São Paulo eine Spitzenposition ein: Als fünftgrößte globale Emission stuft der Finanzdienstleister Thompson Financial die Bovespa in diesem Jahr ein. Nach Informationen aus Finanzkreisen war der Börsengang elffach überzeichnet.

SÃO PAULO. Für umgerechnet 2,6 Mrd. Euro hat die brasilianische Börse 40 Prozent ihres Kapitals lanciert. Am ersten Handelstag legte die Aktie 52 Prozent zu. Außerdem hieß es, dass 80 Prozent der Bieter aus dem Ausland kommen. Die meisten institutionellen Investoren locken die guten Aussichten des brasilianischen Aktienmarktes, auf dem die Börse São Paulo eine Monopolstellung besitzt: Seit Jahresanfang hat der Index 41 Prozent zugelegt – und das nach nun schon fünf Jahren steigenden Kursen. Vieles spricht dafür, dass der Boom in Brasilien anhält: Nach einer Untersuchung von Credit Suisse sind die brasilianischen Aktien noch immer preiswert im Vergleich zu den Papieren aus anderen Emerging-Markets. Für dieses Jahr schätzt die Bank das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis brasilianischer Aktien für dieses Jahr auf 11,5 gegenüber 15 im Mittel aller Emerging-Markets.

Marcelo Kayath, Direktor von Credit Suisse für das Aktiengeschäft in Lateinamerika: „Die brasilianische Börse ist vom Preis immer noch attraktiv.“ Zumal Brasilien in den nächsten zwölf Monaten das Investment-Grade der Risikoagenturen erhalten dürfte, was einen erneuten Kapitalzufluss an die Börse auslösen wird. Auch die anhaltende Emissionswelle zeigt das Vertrauen der Investoren: Alleine dieses Jahr sind 54 Unternehmen an die Börse gegangen, 23 Unternehmen sind bereit für einen IPO. „40 weitere Unternehmen zeigen Interesse“, sagt Carlos Alberto Rebello von der Börsenaufsicht CVM. Damit rangiert São Paulo nach London, New York und Hongkong dieses Jahr zu den Börsenplätzen mit den meisten Emissionen. Hält das Tempo an, dann werden in drei Jahren 1 000 Unternehmen in São Paulo gelistet sein; heute sind es rund 450.

Auch der Börsenhandel dürfte sich bis dahin verdoppeln von einem durchschnittlichen Tagesumsatz von 4,5 Mrd. Brasilianischen Real auf 9 Mrd. Real. Zum Vergleich: In Mexiko, der nach Gewicht zweitgrößten Börse der Region, lancierten dieses Jahr nur zwei Unternehmen neue Aktien. 70 Prozent der lateinamerikanischen Börsenkapitalisierung ist heute in São Paulo konzentriert.

Dennoch ist die Subprime-Krise nicht spurlos an Brasiliens Börse vorbeigegangen: Von den in diesem Jahr neu gelisteten Unternehmen entwickelten sich nur rund ein Drittel der Aktien besser als der Index. Zwei Drittel der neuen Unternehmen verlor gegen den Index, bei einem Drittel entwickelte sich der Kurs negativ. Davon ist keine Branchen ausgenommen. „Die Investoren unterscheiden heute klar nach Qualität“, sagt Alexandre Bettamio, Direktor der UBS in São Paulo, „sie kaufen reife Unternehmen, bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie ihre Ziele auch erreichen. Außerdem wollen sie wissen, wofür das aufgenommene Kapital verwendet wird.“ Mittelfristig müssten sich brasilianische Unternehmen nach neuen Finanzquellen umschauen unter ausländischen Investoren, die bisher noch nicht in Brasilien investiert haben. „Themenfonds sind eine Möglichkeit“, sagt Bettamio.

Für ausländische Investoren ist die Bovespa-Aktie nicht nur interessant, weil sie mit einer Kapitalisierung von rund zehn Mrd. Euro zu den 15 größten Blue-Chips in São Paulo zählt: Investoren können mit der Aktie auf das erwartete Wachstum Brasiliens setzen, ohne einzelne Aktien aussuchen zu müssen. Bald bietet sich noch eine Alternative zur Bovespa-Aktie: Auch die brasilianische Terminbörse BM&F will noch bis zum Jahresende an die Börse gehen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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