Starbanker rettete New York einst vor Bankrott
Wall-Street-Legende warnt vor schwerer Finanzkrise

Die Köpfe hinter den Deals: Felix Rohatyn fädelt auch mit 76 Jahren noch Übernahmen ein.

HB NEW YORK. Der Starbanker und einstige US-Botschafter Felix Rohatyn warnt vor einer Finanzkrise und übt scharfe Kritik an der konservativen US-Regierung. „Wer auch immer die Wahl gewinnt, muss sehr schnell danach ein glaubwürdiges Programm zur Beendigung der Verschuldungspolitik vorlegen“, fordert Wall- Street-Legende Rohatyn. Der Investmentbanker und Demokrat gilt laut dem US-Magazin Fortune als Außenseiter- Kandidat für das Amt des Finanzminister, falls sein Parteifreund John Kerry am Dienstag den konservativen Präsidenten George W. Bush ablöst. Das US-Haushaltsdefizit beläuft sich mittlerweile auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

„Die Finanzmärkte akzeptieren diese Situation bislang, aber ihre Geduld währt nicht ewig“, warnt Rohatyn, der unter anderem als US-Botschafter in Paris diente und das Kerry-Team in Finanzfragen berät. Falls der nächste US-Präsident die Schulden nicht in den Griff bekommt, fürchtet Rohatyn einen Absturz des Dollars und einen Anstieg der bislang niedrigen US-Zinsen. Beides könnte die US-Wirtschaft in eine Rezession treiben.

Wer die Wall-Street-Firma Rohatyn Associates LLC als Ein-Mann- Betrieb bezeichnet, der übertreibt, allerdings nur ein wenig. Außer Felix Rohatyn selbst gehören noch zwei Banker und zwei Sekretärinnen zum auf die Fusionsberatung spezialisierten Büro an der edlen New Yorker Park Avenue. „Bei meinem Verwaltungsapparat muss ich nicht wie große Investmentbanken ständig Deals an Land ziehen“, sagt der 76-jährige Starbanker.

Investmentbanken unter Druck

In den siebziger Jahren rettete Rohatyn die Stadt New York vor dem drohenden Bankrott. „Damals brachten wir Banken und Gewerkschaften sowie Politiker unterschiedlicher Parteien an einen Tisch. Das Gleiche ist heute auf nationaler Ebene nötig“, meint Rohatyn. Als Investmentbanker ist Rohatyn nach fast sechzig Berufsjahren noch immer gefragt. Kürzlich beriet er den US-Kabelfernsehkonzern Comcast beim letztlich gescheiterten Übernahmeangebot für den Medienriesen Disney.

Mehr Erfolg hatte Rohatyn im Frühjahr in der Übernahmeschlacht um den Mobilfunk-Anbieter AT&T Wireless. Als Berater des regionalen US-Telekomanbieters SBC Communications trug Rohatyn entscheidend dazu bei, dass eine SBC-Mehrheitsbeteiligung schließlich den Zuschlag für 40 Mrd. Dollar erhielt. Die beiden Mandate brachten Rohatyn Associates kurz in die Rangliste der zehn größten Fusionsberater des Jahres 2004. Selbst nach dem Scheitern der Disney-Übernahme liegt Rohatyn weit vor vielen weitaus größeren Banken.

Trotz der Erfolge sieht er jedoch private Investmentbanken unter zunehmendem Druck. Die Zukunft gehöre wohl Finanzriesen wie Citigroup und börsennotierten Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley, sagt der kleine, weißhaarige Aristokrat mit leichtem Bedauern. „Es wird schwieriger für private Firmen, die keinen direkten Zugang zum Kapitalmarkt haben“, sagt Rohatyn, der lange zur Geschäftsführung der französisch- angelsächsischen Investmentbank Lazard gehörte.

Bei Lazard tobt derzeit ein Machtkampf darum, ob das Institut als eine der letzten großen privaten Investmentbanken an die Börse gehen soll. „Generell kann ein Börsengang für eine mittelgroße Investmentbank Sinn machen“, meint Rohatyn, will aber zu Lazard keinen Kommentar abgeben. Aber auch eine Kooperation mit kapitalstarken Partnern biete sich an. Lazard-Chef Bruce Wasserstein kämpft für einen Börsengang der Bank. Er möchte Kunden neben der Fusionsberatung auch Kredite, Währungsabwicklung und andere Zusatzdienste anbieten.

„Diese Kapazitäten haben wir nicht“, sagt Rohatyn schlicht. Doch dafür verfügt er über ein in Jahrzehnten gewachsenes Beziehungsnetz, das höchste politische Kreise in Washington ebenso umspannt wie die Chefetagen amerikanischer und europäischer Großunternehmen. So gehört Rohatyn zum Council on Foreign Relations, einem einflussreichen außenpolitischen Beratungsgremium. Zudem sitzt Rohatyn, der als Kind vor den Nazis aus Österreich nach Frankreich fliehen musste, in den Aufsichtsräten des französischen Luxuskonzerns LVMH, der Werbegruppe Publicis und des Rüstungsherstellers Lagardère.

Rohatyns Vielseitigkeit unterscheidet ihn vom Spezialistentum vieler junger Investmentbanker. Die antiken Möbel und die gerahmten Fotos in seinem Büro kontrastieren scharf mit der modern-unterkühlten Atmosphäre bei New Yorker Großbanken. „Wir brauchen keine schnellen Erträge für das nächste Quartal zu generieren, sondern pflegen langfristige Beziehungen zu unseren Kunden“, sagt Rohatyn.

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