Stromkonzern PGE
Europas größter Börsengang kurz vor dem Ziel

Polens größter Stromversorger PGE geht an die Börse. Ein wegweisendes Projekt. Und zugleich der größte europäische Börsengang in diesem Jahr. Analysten rechnen mit einem schnellen Kurswachstum. Welches Potential die Branchenexperten sehen.
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BERLIN. Wenn Polens größter Stromkonzern ab Freitag an Warschaus Börse gelistet wird, ist damit der größte Börsengang in Europa in diesem Jahr perfekt. Das IPO von Polska Grupa Energetyczna (PGE) bringt dem bisher rein staatlichen Unternehmen sechs Mrd. Zloty (umgerechnet 1,4 Mrd. Euro) ein und war deutlich überzeichnet. Obwohl die Aktien am obersten Ende der Preisbildungsspanne mit 23 Zloty ausgegeben werden, rechnen Analysten mit schnellem Kurswachstum der PGE-Anteilsscheine.

Laut einer Reuters-Umfrage trauen die PGE analysierenden Branchenexperten dem größten polnischen Stromproduzenten und Kohlekonzern durchschnittlich ein Kurspotenzial von 13 Prozent in kürzerer Zeit zu. Damit wäre PGE dann der größte an Warschaus Börse WSE gehandelte Einzelwert – noch vor dem bisherigen Marktführer, der Bank Pekao. Kamil Kliszcz von der polnischen Commerzbank-Tochter BRE, die gestern einen heftigen Gewinneinbruch im dritten Quartal bekanntgeben musste, sieht PGEs Perspektiven sogar noch rosiger: „Die Aktie hat ein Wachstumspotenzial von zwölf bis 20 Prozent, wenngleich nicht sofort am ersten Tag.“

Damit wachsen nach Ansicht von Analysten die Chancen, dass PGE noch in diesem Jahr in den Warschauer Börsen-Leitindex WIG aufgenommen werden könnte – und somit zum Pflichtkauf von Osteuropa- und Polen-Fonds würde. Schon jetzt sei der Druck auf polnische Fonds, die laut Warschauer Medienberichten bei der Zeichnung oft leer ausgegangen seien, groß, gleich zu Handelsbeginn PGE-Papiere für ihre Portfolios zu kaufen. Ein weiterer Anreiz ist die PGE-Ankündigung, künftig 50 Prozent des Gewinns als Dividenden auszuschütten. Davon profitiert vor allem der Staat als Hauptaktionär, der seine Etatlöcher stopfen will.

Doch Warschaus Börse selbst bietet derzeit kein ideales Umfeld: Der WIG-Index hat seit seinem Höhepunkt im Juli, als die Marktkapitalisierung der an der WSE gehandelten Unternehmen erstmals den Wert der in Wien gelisteten Firmen übertroffen hatte, rund fünf Prozent eingebüßt. Auch der Verkauf von 51 bis 72 Prozent der bislang staatlichen WSE wird laut Polens Schatzminister Alexander Grad nicht mehr in diesem Jahr durchgezogen. Am WSE-Kauf ist neben der Nasdaq und NYSE-Euronext auch die Deutsche Börse interessiert.

PGE, die bis 2012 fast 39 Mrd. Zloty in ihre Expansion investieren will, hatte im ersten Halbjahr 1,8 Mrd. Zloty Nettogewinn ausgewiesen. Der Konzern produziert mit einer Kapazität von 12 Gigawatt und 45 Mio. Tonnen geförderter Braunkohle 42 Prozent des polnischen Stroms. Mit dem Erlös aus dem Börsengang soll die weitere Expansion und die Modernisierung der veralteten Kohlekraftwerke finanziert werden, auch der Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks durch PGE steht bevor.

PGE betreibt mit dem Kohlekraftwerk Belchatow den mit einem jährlichen Kohlendioxid-Ausstoß von 30,9 Mio. Tonnen CO2 größten Umweltverschmutzer Europas. Polen produziert bisher 95 Prozent seines Stroms aus Kohle – soviel wie nirgends sonst in der EU.

Die Regierung des konservativen Premiers Donald Tusk versucht, mit Privatisierungen und Börsengängen bis 2010 36,7 Mrd. Zloty in die Staatskasse zu bekommen, um so eine noch höhere Staatsverschuldung zu vermeiden. Deshalb sollen nächstes Jahr weitere zehn Prozent der PGE-Anteile am Markt platziert werden.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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