Tipp 24-Aktie
Hauptgewinn dank Lotto-Verbot

Die Aktie von Tipp 24 ist der Überflieger am deutschen Aktienmarkt. 400 Prozent hat das Papier seit Jahresanfang gewonnen. Heute geht es mit guten Quartalszahlen im Rücken weiter aufwärts. Zu verdanken hat Tipp 24 den Aufschwung indirekt dem Staat. Dabei wollte der dem Unternehmen sicher nichts Gutes.

DÜSSELDORF. Als im September in Deutschland der Lotto-Jackpot auf mehr als 30 Millionen Euro angewachsen war, machte die Tipp-Euphorie auch vor der Ferieninsel Mallorca nicht Halt: Tagelang berichtete der lokale Spartensender "Insel Radio" ausführlich über den Mega-Pott und rief die deutsche Gemeinde auf Mallorca zum Miteifern um den Millionensegen auf. Kräftigst unterstützt wurde die Kampagne vom Online-Lottoanbieter Tipp 24, der über Tage mehrfach in der Stunde Werbetrailer über den Sender laufen ließ.

Dass das Hamburger Unternehme im Ausland um Kundschaft buhlen muss, hat mit der Gesetzeslage in Deutschland zu tun. Seit Anfang 2009 ist Internet-Lotto in Deutschland verboten, geregelt wird das im umstrittenen Glücksspielstaatsvertrag. Tipp 24, das bis dato Tippscheine an die staatliche Lotterie vermittelte, drohte dadurch seine Geschäftsgrundlage zu verlieren. Doch ein Ausweg war schnell gefunden: Statt an den Lotto-Block werden die Tipps jetzt an die britische Tochtergesellschaft Tipp 24.com vermittelt. Diese klont im Internet das deutsche Lotto-System. Tipper können wie gewohnt auf die 49 Zahlen setzen. Allerdings nehmen sie nicht offiziell an der Ziehung teil, stattdessen wetten sie bei Tipp 24.com auf das Ergebnis der Lotterie.

Während der Jackpot-Jagd im September machten die Tipper davon reichlich Gebrauch. Und einer landete einen Volltreffer und knackte die sechs Richtigen plus Superzahl. Bei Tipp 24 hielt sich die Freude allerdings in engen Grenzen. Denn der Gewinn des Glückspilzes von 31,7 Mio. Euro floss nicht aus dem Jackpot, sondern aus den Kassen des Hamburger Unternehmens. Weil nur zwei Drittel der Summe über Absicherungsgeschäfte versichert waren, entstand Tipp 24 eine Belastung von rund zehn Mio. Euro. Die Folge: Das Unternehmen musste seine Prognose für den operativen Jahresgewinn von 40 auf 30 Mio. Euro zurücknehmen, die Aktie brachen in der Spitze um 16 Prozent zu.

Spätestens mit den Neunmonatszahlen konnte Tipp 24 die Anleger heute aber wieder besänftigen: Das Unternehmen meldete ein operatives Ergebnis, das mit 33,1 Mio. Euro das Vorjahresergebnis um mehr als das Fünffache übertraf. Der Umsatz von 53,7 Mio. Euro bedeutet immerhin eine Steigerung von 63 Prozent gegenüber den ersten neun Monaten 2008. Die Gewinnwarnung aus dem September nahm Tipp 24 prompt zurück und erwartet nun sogar ein Ergebnis von 43 Mio. Euro.

"Tipp24 hat trotz Auszahlung des Jackpots im dritten Quartal ein operatives Ergebnis von zehn Mio. Euro erzielt. Damit hat das Unternehmen gezeigt, dass das Geschäftsmodell nachhaltig funktioniert", sagt Jochen Reichert, Analyst bei SES Research. Ohnehin habe sich die Wandlung vom Lotto-Vermittler zum Buchmacher gelohnt: "Durch den Wandel sind die Ertragsaussichten deutlich gestiegen. Früher hat Tipp 24 elf bis zwölf Prozent des vermittelten Volumens als Provisionen erhalten, jetzt gehen sämtlich Einnahmen aufs Buch des Unternehmens", sagt Reichert. "Das steigert die Gewinnmargen erheblich."

An der Börse hat sich Tipp 24 mit dem immensen Ergebniswachstum in einer Zeit, in der andere Konzerne unter den Folgen der Finanzkrise ächzten, zum unumstrittenen Anlegerliebling aufgeschwungen. Fast 400 Prozent hat die Aktie seit Jahresbeginn gewonnen, heute geht es erneut um mehr als zehn Prozent auf ein Jahreshoch von 31 Euro nach oben. Und noch sehen Analysten das Ende der Rally nicht erreicht: Zwar geben aktuell nur drei Bankhäuser Empfehlungen für Tipp 24 heraus, doch diese lauten allesamt auf "kaufen". Denn trotz des starken Kursanstiegs ist die seit Juni im SDax notierte Aktie nicht teuer. Auf Basis der für 2010 erwarteten Gewinne kommt sie gerade einmal auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von acht.

Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim, gibt für Tipp 24 die Anlageempfehlung "strong buy" aus, den fairen Wert berechnet er nach dem starken Kursanstieg und den starken Quartalszahlen aktuell neu: "Obwohl ich schon optimistisch war, haben mich die Zahlen für das dritte Quartal positiv überrascht. Angesichts der Verpflichtungen aus der Jackpot-Zahlung hatte ich nicht einmal mit einem positiven Umsatz gerechnet. Dass Tipp 24 trotzdem noch sieben Millionen Euro Umsatz erzielt hat, zeigt die Stärke des Geschäftsmodells", sagt er.

Die positive Überraschung im dritten Quartal zeigt allerdings einen Nachteil der neuen Situation: Die Prognosen sind anders als früher mit einer höheren Unsicherheit behaftet. Denn die Einnahmen sind heute deutlich schwerer planbar als zu der Zeit, als Tipp 24 kontinuierlich Provisionseinnahmen verbuchen konnte. SES-Analyst Reichert ist trotzdem optimistisch und empfiehlt die Aktie mit einem Kursziel von 35 Euro zum Kauf: "Super-Jackpots gibt es ja nicht jede Woche, insgesamt überwiegen bei Tipp 24 die Chancen."

Für nicht ausgeschlossen hält Reichert zudem, dass die gesetzlichen Beschränkungen wieder gekippt werden. Anlass für diese Erwartung lieferte jüngst die neue schwarz-gelbe Koalition in Schleswig Holstein. Im Koalitionsvertrag kündigten CDU und FDP an, den Glücksspielstaatsvertrag aufzukündigen. Andere Länder könnten dem Beispiel folgen, da "Ihnen durch die neue Gesetzeslage Einnahmen entgehen", erwartet Reichert. Zudem sei es fraglich, ob der Vertrag mit Europarecht vereinbar ist, weil beispielsweise Pferdewetten im Internet oder Glücksspielautomaten in Spielhallen erlaubt seien, Online-Lotto mit Verweis auf Suchtgefahren hingegen verboten würden.

Mögliche gesetzliche Änderungen könnten sich 2012 ergeben, 2012 sein, wenn ein neuer Staatsvertrag in Kraft treten dürfte. Für Spekulationen über dessen Neufassung ist es sicher noch zu früh. Ein komplettes Zurück zum Status Quo 2008 und vor allem den schwächeren Gewinnmargen kann sich Analyst Sander für Tipp 24 selbst im Falle einer Aufhebung des Online-Tipp-Verbots nur schwerlich vorstellen: "Man wird die Kunden im UK-Geschäft sicherlich nicht zwingen können, auf eine deutsche Plattform zu gehen; es würde für die Tipp24 AG aber sicher vorteilhaft sein, wenn es auch in Deutschland wieder Lotto-Scheine vermitteln und vor allem wieder werben darf", so Sander.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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