Trotz Umsatzsprung im zweiten Quartal macht Online-Händler erneut Verlust
Amazon-Höhenflug wird Analysten unheimlich

Alle freuen sich über Harry Potter: Kinder, Eltern, Lehrer und seit Kurzem verstärkt auch wieder Amazon.com. Denn der berühmteste Zauberschüler der Muggelwelt bescherte dem Online-Versandhandel mit seinem neuen Abenteuerbuch den größten Umsatzanstieg seit mehr als zwei Jahren.

NEW YORK. Daneben sorgten 250 000 Neukunden – zumindest vor Steuern – für ein dickes Plus in der jüngsten Bilanz. Netto senkte Amazon den Verlust pro Aktie immerhin von 25 auf 11 Cent. In sechs Börsenjahren hat das Unternehmen damit dennoch nur in zwei Quartale mit Gewinne gemacht.

Doch die Anleger scheint das nicht mehr zu stören. In den Tagen nach der Bilanzlegung kletterte die Amazon-Aktie um mehr als 20% und notiert mit 41 $ nahe ihres Dreijahreshochs. Unterstützt wurde sie durch Urteils-Hochstufungen großer US-Banken, darunter JP Morgan und Credit Suisse First Boston (CSFB). Deren Experte Heath Terry erhöhte seine Bewertung in der vergangenen Woche auf „Outperform“ (überdurchschnittliche Kursentwicklung): „Amazon zeigt weiterhin, dass das Modell Zugkraft besitzt. Der Umsatz ist um mehr als ein Drittel gewachsen, die Aufwandskosten aber nur um knapp acht Prozent“, sagt Terry.

Analyst Jeetil Patel von der Deutschen Bank lobt Amazon ebenfalls: „Die Kombination von Zuwachs bei den aktiven Kunden, der anstehenden Einführung neuer Produktkategorien und einem gesunden Wachstum im Kerngeschäft Einzelhandel bewirkt, dass sich unsere Prognosen in den kommenden Quartalen als zu konservativ erweisen könnten.“ Er rät deshalb zum Kauf des Titels.

Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge lauteten zuletzt von 13 Bewertungen allerdings acht auf Halten und eine auf Verkaufen. Eine Reihe von Aktienstrategen reagiert skeptisch auf die Reformpläne, mit denen Amazon-Chef Jeff Bezos die Kosten kürzen und neue Kunden umwerben will. Insbesondere die Gratislieferung, die Kunden ab einem bestimmten Bestellwert versprochen werden, stoßen auf Skepsis. „Ob diese Aktion wirtschaftlich erfolgreich ist, bleibt unsicher“, sagt etwa Daryl Smith von JP Morgan. „Nach unseren Berechnungen sollte der Kostenlos-Versand in den ersten drei Quartalen dieses Jahres unrentabel bleiben. Auf Nettobasis wird sich die Aktion vermutlich sogar erst 2005 rechnen.“ Analyst Patel verteidigt die Werbeaktion: „Amazons Strategie funktioniert einfach. Die Kunden besuchen die Internetseite häufiger, und das treibt die Zahl der Käufe nach oben.“

Sorgen bereitet den Experten der gestiegene Aktienkurs. Das Verhältnis von Unternehmensgewinn und Preis (KGV) liegt bei Amazon über als 100 – also etwa dreieinhalbmal so hoch wie das durchschnittliche KGV aller Werte im S&P-500-Index. Nach den jüngsten Kursgewinnen notiert Amazon bereits über den Zwölfmonats-Kurszielen vieler Analysten. Terry etwa erhöhte die Marke erst vergangene Woche um mehr als 50 % von 26 auf 40$ – doch schon jetzt liegt der Kurs darüber.

Obwohl der Amazon-Vorstand die Gewinnprognose bis Ende 2003 um 200 Mill.$ aufstockte, befürchten Marktexperten, dass sich der aktuelle Aktienkurs auf Dauer nicht halten lässt. Denn das gerade begonnene dritte Quartal fällt für die Onlinehändler traditionell eher schwach aus, ehe im November das umsatzstarke Weihnachtsgeschäft beginnt.

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