Twitter-Kurssturz
„Es war kein Leak, es war kein Hacking“

Mit einer einfachen und legalen Methode hat das kleine, unbekannte Unternehmen Selerity dem Twitter-Konzern massiven Ärger beschert. Nach dieser Aktion hat Selerity nun deutlich mehr Twitter-Follower.
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London Der US-Informationsdienstleister Selerity hat Zahlen des Kurznachrichtendienstes Twitter vorab veröffentlicht. Die Methode war offenbar sehr simpel und unaufwendig. Der Wirbel und Ärger, der dann folgte, allerdings umso größer. Der US-Informationsdienstleister Selerity Corp. hat am Montagabend die Quartalszahlen des Kurznachrichtendienstes Twitter eher veröffentlicht, als vom Unternehmen geplant. Der Aktienkurs brach ein, die Papiere mussten zeitweise vom Handel ausgesetzt werden, weil Aktionäre mit so enttäuschenden Ergebnissen nicht gerechnet hatten.

Selerity hat sich diese Zahlen weder auf illegale Art und Weise beschafft, noch hatte die Firma Zugang zu exklusiven Quellen, die die vertraulichen Informationen vorab geliefert hätten. „Es war kein Leak, es war kein Hacking“, teilten Selerity per Twitter mit. Man habe die Ergebnisse einfach vorab auf der Investor-Relations-Website des Unternehmens gefunden.

Selerity ist ein bisher eher unbekannter Informationsdienstleister mit Sitz in New York, der sich auf das Aufspüren von Informationen im weltweiten Datennetz spezialisiert. Zu den Kunden gehören offenbar vor allem Unternehmen aus der Finanzbranche, darunter Hedge-Fonds und Banken.

Etwas Ähnliches wie jetzt bei Twitter ist der Firma auch schon 2011 mit Zahlen von Microsoft gelungen. Der Software-Konzern hatte sie ebenfalls zu früh ins Netz gestellt.

Die Twitter-Informationen seien definitiv öffentlich verfügbar gewesen, sagte Selerity-Chef Ryan Terpstra dem Nachrichtendienst „Business Insider“ in einem Telefoninterview. „Wir versuchen, wichtige Nachrichten frühzeitig ausfindig zu machen.“ Man suche entweder direkt auf den Investor-Relations-Seiten von Unternehmen oder mit Hilfe eines Webbrowsers. Da man in dem Fall auf der Internetseite von Twitter fündig geworden sei, habe man keine Bedenken gehabt, die Informationen zu veröffentlichen.

Auch die Ergebnisse vieler anderer Unternehmen, darunter Google und Intel, Citigroup und Disney, sind in der Vergangenheit eher an die Öffentlichkeit gekommen, als den Konzernen lieb war. Journalisten der Nachrichtenagentur Bloomberg suchen nach Angaben der US-Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ ebenfalls regelmäßig die Internetseiten von Konzernen ab – in der Hoffnung, möglichst frühzeitig auf Quartalsergebnisse zu stoßen.

Eine der angeblich verbreiteten Methoden dafür: Man nehme beispielsweise die Web-Adresse der bereits veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal, veränderte darin eine Zahl, die für das jeweilige Quartal steht und stoße dann manchmal auf die Ergebnisse der folgenden Quartale, bevor die Unternehmen sie offiziell an die Journalisten verschicken. Eine einfache Methode manchmal mit großer Wirkung.

Dass die Twitter-Zahlen offenbar eher als geplant im Internet verfügbar waren, dürfte der Firma, die die Investor-Relations-Seiten des Unternehmens im Internet pflegt, noch massiven Ärger einbringen. Selerity dagegen hat es deutlich mehr Anhänger auf dem Kurznachrichtendienst Twitter beschert. Es sind Medienberichten zufolge gleich ein paar Tausend neue Follower hinzugekommen, die sich jetzt regelmäßig Selerity-Nachrichten anzeigen lassen.

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