Ultrasonic
Ein Börsenkrimi „made in China“

Der Fall des Schuhherstellers Ultrasonic hat es in sich. Erst verschwindet der Chef und mit ihm die Firmenkasse. Wenige Tage später taucht er wieder auf – allerdings ohne das Geld. Es ist nicht der erste Fall dieser Art.
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In der Provinz Fujian im Südosten Chinas ist Wu Qingyong ein angesehener Mann. Als Manager arbeitet er für verschiedene Schuhfabriken, bevor er 1998 seine eigene Firma gründet, Ultrasonic. In seinem Heimatort Jingjiang sitzt er außerdem im Stadtrat und engagiert sich in der lokalen Wohltätigkeitsorganisation. 2007 zeichnet die Stadtverwaltung die Wus als eine der „tugendhaftesten Familien“ aus. Wu sei ein Unternehmer mit Leib und Seele gewesen, sagt Thomas Stewens, der ihn mehrmals in China besucht hat.

„Er hat sogar auf dem Werksgelände gelebt.“ Stewens arbeitet für die deutsche BankM und hat Ultrasonic 2011 an die Frankfurter Börse gebracht. Das Listing sei gut für das Ansehen seiner Schuhfirma und mache es leichter, Kredite für anstehende Investitionen zu bekommen, frohlockt Wu beim Börsendebüt. Im Sommer 2014 ist es so weit: Die japanische Großbank Nomura gewährt Ultrasonic ein Darlehen über 60 Millionen Dollar.

Was seitdem passiert ist, hätten sich Krimiautoren nicht besser ausdenken können. Mitte September schlägt Ultrasonic-Finanzchef Clifford Chan Alarm: Wu ist verschwunden. Auch sein Sohn Minghong, der im Vorstand für das operative Geschäft des Schuh-Herstellers zuständig ist, und Großteile des Firmenvermögens sind weg. Den Nomura-Kredit haben die Wus nach Erkenntnissen des Aufsichtsrats in zwei Tranchen abgehoben und auf Konten transferiert, auf die das Unternehmen keinen Zugriff hat. Die Ultrasonic-Aktie rauscht daraufhin in den Keller, die Firma warnt vor einer drohenden Insolvenz. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Banker Stewens. Er könne es bis heute nicht fassen, dass er sich in Wu so getäuscht habe.

 In Deutschland ist der Unmut groß, schließlich ist der Fall Ultrasonic nicht der erste Skandal einer chinesischen Firma, die in Frankfurt gelistet ist. Einige Monate zuvor ist bereits der Chef des Verpackungs-Herstellers Youbisheng Green Paper verschwunden. Das Unternehmen meldet wenig später Insolvenz an. Beim Modehersteller Kinghero hat der Aufsichtsrat den Chef vor Tür gesetzt, weil er Firmenvermögen für private Geschäfte missbraucht haben soll.

Die Skandale belasten das Image der Deutschen Börse, die jahrelang um Firmen aus dem Reich der Mitte geworben hat. Und sie werfen ein Schlaglicht darauf, wie riskant es sein kann, Aktien chinesischer Unternehmen zu kaufen. Deren Vorstände haben in der Volksrepublik große Freiheiten - und können von Aufsichtsräten und Behörden in Deutschland kaum kontrolliert werden. „Wer in solche Finanzvehikel, die in Deutschland kein operatives Geschäft haben, investiert, geht große Risiken ein“, warnt Christoph Niering, Insolvenzverwalter von Youbisheng.

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  • Naja, in einem kürzlichen Artikel konnten wir lesen, das die Vorstände der DAX-Unternehmen auch einen kräfigen Schluck aus der Pulle nehmen, zu Lasten der Arbeitnehmer und Anteilseigner. Gehen tut das nur durch ein korruptes Geflecht aus Politikern, Bankern und Angestellten in den Vorständen, Aufsichtsräten und Banken.

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