Verkaufswelle
Amerikas IT-Stars flüchten aus Aktien

Konzernchefs wie Steve Ballmer und Larry Page stoßen derzeit massenweise Aktien des eigenen Unternehmens ab. Im November erreichten die Verkäufe ein neues Rekordvolumen. Damit beunruhigen sie einige Finanzexperten in den USA.
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NEW YORK. Steve Ballmer hatte nur Schadensbegrenzung im Sinn: „Ich freue mich auf unsere neuen Produkte und bin überzeugt vom Potenzial unserer Technologie, das Leben der Menschen verändern zu können“, gab der Konzernchef von Microsoft Anfang November zu Protokoll. Was sich nach Erfolg und Aufbruch anhörte, ließ die Analysten von Insider-Barometern in den USA allerdings erst recht Alarm schlagen. Denn Ballmer hatte in derselben Pressemitteilung angekündigt, bis Jahresende nicht weniger als 75 Millionen Microsoft-Aktien zu verkaufen – aus „privaten steuerlichen Gründen“, wie es hieß. Wert des Aktienpakets: Rund zwei Milliarden Dollar.

Dabei ist Ballmer in guter Gesellschaft: Auch Google-Mitgründer Larry Page sowie Jeff Bezos, Chairman und Vorstandschef des führenden Online-Händlers Amazon, haben den steilen Anstieg der Aktienkurse in den vergangenen Wochen zum (Teil-)Ausstieg genutzt. Larry Ellison, Chef des Software-Konzerns Oracle, stieß ebenfalls 100 000 Aktien ab und erlöste dabei 2,75 Millionen Dollar. Andere Oracle-Insider folgten seinem Beispiel und verkauften in den vergangenen Wochen gleich fünf Millionen Firmenaktien. Die Marktführer der IT-Welt setzen damit einen Trend, der einige Finanzexperten in den USA zusehends beunruhigt: Während die Wall Street noch feiert, verlassen auffällig viele Eingeweihte vorzeitig die Party.

Daten der Analysefirma InsiderScore.com zufolge haben die Verkäufe im November 2010 ein neues Rekordvolumen erreicht. Demnach stießen Insider von Firmen aus dem US-Börsenindex S&P 500 innerhalb einer Woche Wertpapiere im Wert von 4,5 Milliarden Dollar ab. Zuvor hatte das Volumen der Aktienverkäufe in keiner Woche die Grenze von zwei Milliarden Dollar überschritten. Auch über einen breiteren Zeitraum gestreckt ergibt sich ein auffällig schiefes Bild: In den vergangenen sechs Monaten haben sich Unternehmens-Insider von mehr als 120 Millionen Wertpapieren getrennt, sie kauften im Gegenzug aber nur einige Zehntausend Aktien zu. Das entspricht einem ungewöhnlichen Verhältnis von rund 3 000 zu eins.

Die Daten gäben Anlass zu „erheblicher Vorsicht“, sobald der Trend am Aktienmarkt drehe, sagte Simon Baker, Chef der US-Vermögensverwaltung Baker Asset Management. Davon ist bisher allerdings nichts zu spüren; sowohl der Leitindex S&P 500 als auch Dow Jones und Nasdaq notieren nach deutlichen Zugewinnen seit Jahresbeginn in der Nähe ihrer Jahreshöchststände. Viele Wall-Street-Experten sind überzeugt, dass die jüngste Stimulusmaßnahme der US-Notenbank Fed den Aktienmarkt vorerst stützen wird – mithin Insiderverkäufe zurzeit kein allzu verlässliches Signal seien. Angesichts der Geldschwemme und der Nullzins-Strategie der Fed bleibe Investoren kaum eine andere Wahl, als in Aktien zu investieren, heißt ihre Begründung.

Vermögensverwalter Baker indes warnt davor, die Signale aus dem Insider-Barometer zu unterschätzen. Insider würden jeweils sehr frühzeitig kaufen und verkaufen, bevor der Gesamtmarkt in ihre Richtung drehe. Daraus leitet er eine „rote Flagge“ ab – nicht für morgen, aber „längerfristig, über die nächsten zwölf Monate“. Die Rallye sei „nicht wahrhaft“, glaubt auch Alan Newman, Chef des Investment-Newsletters Crosscurrents: „Es ist eindeutig, dass Insider großen Wert nur in Cash sehen.“

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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  • Es wird einen double-dip geben! Die bisherigen Steigerungen des Dax und Dow werden doch nur durch recht wenige Käufer getätigt. Die Masse ist immer noch außen vor und damit auch gut beraten! Die Europäer sparen, die durchschnittliche bevölkerung hat in den Nehmer- wie in den Geberländern zu wenig Geld. Die wenigen Reichen gehen bereits verstärkt in EM. ...Und der Mittelstand wird, offensichtlich politisch gewollt, ausgerottet. Also, wo bitte soll denn ein längerfristiger Aufschwung herkommen???

  • Wir werden eine inflationswelle weltweit bekommen ab nächstem Jahr, gerade auch in deutschland werden die verfügbaren einkommen und die gewinne zusammenschmelzen. Das heißt, die derzeitige Erwartung auf steigende Unternehmensgewinne ist in wahrheit unrealistisch. Der gewinn wird durch Preiserhöhungen geschmälert werden. sollte es zu einem einbruch der aktienkurse kommen, wird es bei dem absturz kaum ein Halten geben. Dann kommt die große bereinigung.

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