Volkswagen
Wie die Bäume doch in den Himmel wachsen

Die Aktie des Jahres - Mitten in der Krise startet VW mit Schubkraft von Porsche einen noch nie gesehenen Höhenflug. Kurzzeitig ist Volkswagen der wertvollste Konzern der Welt. Allerdings wird die Kritik an Porsche wegen möglicher Kursmanipulationen lauter.

STUTTGART. Es war die einzige Dax-Aktie, der die verheerende Finanzkrise in diesem Jahr nichts anhaben konnte. Mehr noch: Die VW-Aktie stieg in schwindelerregende Höhen, als andere Papiere in die tiefsten Täler rauschten. Die Leistungskraft der Motoren allerdings spielte dabei nur eine Nebenrolle. Denn der Höhenflug der VW-Aktie spiegelt zugleich auch die skurrilste Unternehmensgeschichte dieses Jahres wider.

Die Geschichte beginnt mit der für Porsche-Freunde magischen Zahl "911". Der 911er - entworfen von Porsche-Enkel Ferdinand Alexander - begründet den Mythos der Sportwagenmarke aus Zuffenhausen. Dass die Ziffernfolge 911 auch in die Geschichte der Wolfsburger Volkswagenaktie eingehen würde, hatte keiner erwartet - bis zum 28. Oktober 2008.

Am Montag, dem 27. Oktober, hatte Michael Punzet, Analyst der DZ-Bank, das Kursziel für die VW-Aktie auf 911 Euro gesetzt. Das war eigentlich nur ein Marketing-Gag, denn die Aktie notiert zu diesem Zeitpunkt zwischen 300 und 400 Euro. Doch die 911-Prognose ragte aus dem Heer der Analystenmeinungen heraus und erregte Aufsehen. Dann ging alles ganz schnell: Am Dienstag stieg die Aktie zunächst auf 635 Euro. "Das hat nichts mehr mit der wirtschaftlichen Situation des Konzerns zu tun", warnt Punzet, selbst überrascht von seiner sich immer mehr erfüllenden Prophezeiung. Doch die VW-Aktie steigt weiter und weiter.

Am 16. September hatte Porsche angekündigt, die Mehrheit bei VW übernehmen zu wollen. In den folgenden Wochen begann eine wilde Spekulation mit VW-Aktien. Banken und Finanzinvestoren setzten zuletzt in großem Stil auf fallende Volkswagen-Kurse. Deshalb verkauften sie geliehene Papiere über die Börse und hofften auf niedrigere Rückkaufkurse. Da die VW-Stammaktie bereits als völlig überbewertet galt, schien die Wette sicher. Die Aktie stieg jedoch weiter - und machte diese Rechnung zunichte. Die Folge: Spekulanten mussten die VW-Aktien um jeden Preis zurückkaufen, um nicht noch größere Verluste einzufahren. Das trieb den VW-Kurs immer weiter in die Höhe.

Am Sonntag, dem 26. Oktober, entschloss Porsche sich zur Notbremse. Ohne es zu müssen, legten die Zuffenhausener ihre Karten auf den Tisch. Sie besaßen bereits 42,6 Prozent der VW-Stammaktien und zusätzlich spezielle Optionen auf 31,5 Prozent der Volkswagen-Stammaktien. Mit breiter Brust kündigt Porsche an: "Zielsetzung ist, sofern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufzustocken und damit den Weg für einen Beherrschungsvertrag frei zu machen." Dann würden die wichtigsten Entscheidungen nicht mehr im VW-Aufsichtsrat, sondern in der Porsche-Holding gefällt. Porsche könnte über Vorstandsposten, neue Fahrzeugmodelle und Werksstandorte von VW bestimmen. Zudem hätte Porsche Zugriff auf sämtliche Gewinne.

Schlagartig wurde klar, warum der Markt verrückt gespielt hatte. Zieht man die knapp 20 Prozent der VW-Aktien ab, die vom Land Niedersachsen gehalten werden, und 75 Prozent, die direkt oder indirekt Porsche zuzurechnen sind, dann waren nur noch maximal fünf Prozent VW-Stammaktien frei verfügbar, sofern sie zum Kauf angeboten werden.

Porsche hatte den Markt also selbst eng gemacht, wollte jetzt aber die Luft aus der heißen Spekulation lassen. Weniger aus Nächstenliebe mit den Zockern als in der Hoffnung, dass die VW-Kurse sinken. Mit den speziellen Optionen hatte Porsche zwar den Kauf der Aktien abgesichert. Eigentlich konnte die Kursexplosion Porsche also egal sein, weil die Differenz zum Basiskurs der Option bar ausbezahlt wird. Aber in dem Moment, in dem Porsche mehr als 50 Prozent der VW-Aktien übernimmt, werden die VW-Aktien zu den Kaufpreisen in die Bilanz gestellt. Bei Mondpreisen für die VW-Aktie bedeutet das ein gewaltiges Wertberichtigungsrisiko, wenn bei einer Normalisierung der Kurse die Beteiligung wieder neu bewertet wird. Dieses Risiko scheut Porsche bis heute. Porsche-Finanzchef Holger Härter, Drahtzieher der Porsche-Finanzgeschäfte, sagte kürzlich, er könne erst mit einem Kurs der VW-Aktie um die 200 Euro leben.

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