Zahl des Tages
Spektakulärer Börsenstart

Zum Börsenstart kletterte der Wert des Karrierenetzwerks Linkedin zwischenzeitlich auf das 650-fache des Unternehmensgewinns des vergangenen Jahres. Viele befürchten eine neue Dotcom-Blase.
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Das spektakuläre Börsendebüt des Online-Netzwerks überraschte sogar die Chefetage des eigenen Hauses. Linkedin-Gründer Reid Hoffman strahlte, jubelte und klatschte während er beobachtete, wie der Preis für eine Aktie seines Unternehmens innerhalb weniger Minuten von 45 auf 93 Dollar kletterte. Der Aufwärtstrend ging über den Tag verteilt weiter. Die Papiere kosteten zwischenzeitlich 121,97 Dollar, ein Plus von 171 Prozent. Linkedin war mit einem Schlag über elf Milliarden Dollar wert, mehr als die meisten deutschen Industriekonzerne. Zum Handelsschluss hatte sich der Kurs gegenüber dem Ausgabepreis immer noch mehr als verdoppelt. So einen extremen Kurszuwachs hatte man seit Jahren nicht mehr bei einem Börsendebüt gesehen.

Bereits beim zuerst angesetzten Preis von 45 Dollar pro Aktie kosteten die Papiere das 275-fache des Unternehmensgewinns im vergangenen Jahr. Schließlich verdiente Hoffmans Firma 2010 gerade einmal 15,4 Millionen Dollar. Im Lauf des ersten Handelstags stieg das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) dann zwischenzeitlich auf sagenhafte 650. Investoren müssten also 650 Jahre warten, bis sie ihr Geld wieder zurückbekommen hätten, sofern das Unternehmen jedes Jahr den gesamten Gewinn an seine Anleger ausschüttet – und sofern der Gewinn stagniert. Damit rechnet natürlich niemand. Sondern mit einer wahren Gewinnexplosion.

Die Spekulanten hoffen auf den Netzwerkeffekt. Damit bezeichnen Ökonomen eine Theorie, nach der der Nutzen für jedes Mitglied eines Netzwerks mit jedem weiteren Nutzer wächst – ab einem kritischen Punkt sogar exponentiell. So unwahrscheinlich ist das nicht: In den vergangenen Jahren haben sich rund 100 Millionen Nutzer bei Linkedin registriert, und die Zahl der Neuanmeldungen wächst jedes Jahr – Linkedin scheint also tatsächlich immer attraktiver zu werden, je stärker es sich verbreitet.

Die Gewinne allerdings haben bisher noch nicht vom großen Netzwerkeffekt profitiert. Und so muss man das KGV von 479 schon als extrem optimistisch bewerten. Der Internetriese Google hatte zu seinem Börsenstart im Jahr 2004 immerhin nur ein KGV von 138. Beim deutschen Linkedin-Konkurrenz Xing lag das KGV beim Börsengang bei 40.

Wie schwer es ist, die Erwartungen zu erfüllen, die Anleger an Aktien mit solchen Kurswerten stellen, zeigt ein Blick in die Geschichte. Im Jahr 1999, vor dem Crash des Neuen Marktes, erreichten auch mal deutsche Firmen ähnlich hohe KGVs, wenn sie denn überhaupt etwas verdienten. Für den Halbleiterhersteller Aixtron etwa zahlten Anleger teilweise das 400fache des Gewinns, für die Siemens-Abspaltung Infineon sogar mal das 800fache – und diese Konzerne haben immerhin anfassbare Hardware produziert, und nicht nur virtuelle Verknüpfungen. Zwei Jahre später war der Börsenkurs von Chiphersteller Infineon trotzdem um 90 Prozent eingebrochen, Aixtron hatte sogar 95 Prozent an Wert verloren. Die Konzerne überlebten immerhin – die meisten anderen Boomkonzerne von damals sind inzwischen insolvent. Linkedin macht natürlich etwas ganz anderes, schon klar, Internet 2.0 und so. Trotzdem lehrt die Vergangenheit: KGV-Wetten sind Irrsinn.

Kommentare zu " Zahl des Tages: Spektakulärer Börsenstart"

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  • Korrektur: gemeint ist natürlich ein "Schneeballsystem"...

  • Weiters gebe ich zu bedenken, dass es sich um kein Produkt im herkömlichen Sinn handelt. Es ist relativ "leicht" ein equivalentes "Produkt bzw. Netzwerk" aufzubauen und das in nur sehr kurzer Zeit (man braucht keine Shops, keine Verkäufer, etc.). Also als nächstes kommt dann eine Art Schnebbalsystem und zwar "bringe deine Kontakte ins "Netzwerk" und profitiere davon" (z.b. einen Cent und von dessen Kontakt auch wieder und so weiter)........da möchste ich sehen wie rasch sich hier ein Netzwerk aufbauen läßt! Willkomen in der nächsten dotcom Blase.....

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