Agrarrohstoffe
Treibstoffe vom Acker für’s Depot

Agrarrohstoffe – aus Produkten für die Lebensmittelindustrie sind mittlerweile wertvolle Rohstoffe für die Energieproduktion geworden. Ihre Notierungen richten sich immer mehr nach dem Preis von Öl und Gas. Und Analysten sehen gute Chancen für eine weitere Verteuerung.
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SÃO PAULO. Der Startschuss für eine gewaltige Hausse für viele Agrarprodukte fiel im Februar 2006. In einer Rede zur Nation verkündete der amerikanische Präsident George W. Bush, dass die USA ihre Ölimporte stark reduzieren wollen. Dafür soll die nordamerikanische Autoflotte in zehn Jahren bereits ein Fünftel ihres Treibstoffs aus nachwachsenden Rohstoffen beziehen.

Die Bush-Rede löste an den Terminmärkten eine Welle von Preisanpassungen aus: Die Notierungen für Mais, Zucker und Soja stiegen sofort. Auch die Preise für Agrarprodukte, die weltweit weniger gehandelt werden, wie Raps, Sonnenblumen oder Rizinus zogen an. Denn aus diesen landwirtschaftlichen Produkten kann entweder Ethanol – also Alkohol – oder Biodiesel gewonnen werden. Und rund 40 Staaten weltweit wollen künftig Ethanol als alternativen Treibstoff zum Benzin beimischen und Diesel mit Biodiesel ergänzen.

Die Hausse hält immer noch an: Dieses Jahr werden die Agrarrohstoffe unter allen Commodity-Gruppen am stärksten zulegen: Goldman Sachs rechnet damit, dass agrarische Produkte durchschnittlich um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewinnen werden. Zum Vergleich: Trotz der Höchstpreise für Rohöl rechnen die Experten der Investmentbank nur mit einem Anstieg der Energiepreise von rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Weizen (56 Prozent) sowie Soja und Mais (beide 40 Prozent) führen die Liste der Teuerungen an. Ökonomen sprechen schon von steigenden Preisen weltweit wegen der Agrarrohstoffe und nennen das Phänomen „Agflation“.

Der Trend scheint eindeutig: Die Preise der sogenannten Soft-Commodities werden immer stärker mit den Energiepreisen korrelieren. Je teurer Rohöl und Gas werden, umso lohnender kann es sein, aus Soja Diesel zu gewinnen und aus Mais Ethanol, statt es an Hühner, Schweine und Rinder zu verfüttern. Rohstoffexperten bezeichnen alle Agro-Rohstoffe, aus denen Energie gewonnen werden kann, inzwischen auch als Energycrops.

Aus Produkten für die Lebensmittelindustrie sind also in ein, zwei Jahren Rohstoffe für die Energieproduktion geworden. Dieser Etikettenwechsel hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Denn die Nachfrage nach Soja, Weizen, Mais und Zucker hat schon länger angezogen. Jede zusätzliche Nachfrage lässt tendenziell die Preise für Nahrungsmittel steigen, die Anbauflächen werden knapp. Vor allem der wachsende Wohlstand in Fernost hat zu einer strukturellen Veränderung im Welthandel mit Agrarprodukten geführt. „Die Menschen dort wollen Weizen statt Reis, Rind statt Schwein“, sagt Roberto Alemann, einer der führenden Ökonomen Argentiniens, neben Brasilien einer der wichtigsten Lieferanten für den neuen Rohstoffbedarf weltweit.

Die Folge der wachsenden Nachfrage: Die Lagervorräte für die meisten Agrarprodukte weltweit sind so niedrig wie selten. Das Landwirtschaftsministerium der USA (USDA) rechnet damit, dass die Getreidevorräte bald weltweit auf das niedrigste Niveau der letzten 100 Jahre fallen könnten – Kriegszeiten ausgenommen.

Beispiel Soja, der wichtigste agrarische Protein- und Öllieferant: Wegen schwacher Ernten in den USA und China – den beiden größten Nachfragern weltweit – schrumpfen die Lagervorräte das dritte Jahr in Folge. „Das weltweite Defizit an Ölsaaten war noch nie so groß wie heute“, sagt Thomas Mielke vom Branchendienst OilWorld aus Hamburg, „wenn jetzt bei der Ernte in Südamerika etwas schief geht, dann wird das Angebot knapp.“

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