Devisen
Der Forint hält Experten in Atem

Ungarn gehört zu den Ländern in Mittel- und Osteuropa, die am stärksten unter der Finanz- und Wirtschaftskrise leiden. Bestens ablesbar ist das an der Wertentwicklung der Landeswährung. Der Forint ist darum zur Zeit nichts für Anleger mit schwachen Nerven. Nicht wenige Experten gehen davon aus, dass sein Wert noch weiter fallen wird. Viele Investoren ziehen deshalb ihre Gelder ab.
  • 0

WIEN. Seit dem Spätsommer hat die Währung aus dem Land der Magyaren gegenüber dem Euro etwa 25 Prozent an Wert verloren, allein in diesem Jahr sind es an die 15 Prozent. Am Dienstag hat der Forint erstmals die Schallmauer von 300 Forint zum Euro durchbrochen.

Viele Ungarnexperten rechnen damit, dass die Währung ihren endgültigen Tiefststand noch nicht erreicht hat. "Es dürfte zu einer weiteren Abwertung um zehn Prozent kommen, wenn nicht noch mehr", glaubt Ulrich Leuchtmann, Währungsexperte bei der Commerzbank in Frankfurt. Seine Hauptkritik: Die Notenbank in Budapest habe in den zurückliegenden Wochen viel zu schnell den Leitzins gesenkt, um die notleidende ungarische Wirtschaft anzukurbeln. Das habe eine Abwertungsspirale ausgelöst und internationale Investoren aus Ungarn getrieben.

Ungarns Führung steckt in einer Zwickmühle. Nur mit einer neuerlichen Erhöhung der Zinsen durch die Nationalbank ist es möglich, den Teufelskreis weiterer Abwertungen und Kapitalflucht zu durchbrechen. Ökonomisch brauchte das Land jedoch eine Zinssenkung, weil die Wirtschaft schrumpft. Der Staat kann auch nicht als Konjunkturmotor einspringen, weil ihn ein Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu äußerster Sparsamkeit zwingt. Da Ungarn in die Nähe eines Staatsbankrotts abzurutschen drohte, hatten IWF und EU im vergangenen Herbst ein Hilfspaket über 20 Milliarden Euro geschnürt. Fällt der Forint jetzt weiter, müssen die Ungarn noch mehr Geld für ihre Auslandsverschuldung ausgeben - Geld, das dann wieder im Inland fehlt, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln.

Angesichts der stark schwankenden Währung ist es gerade für internationale Unternehmen schwierig, mit dem Land Geschäfte zu machen. "Die ganze Sache wird immer unkalkulierbarer", sagt Michael Müller, Chef eines Immobilienentwicklers aus Wien, der sich stark in Ungarn engagiert hat. Absicherungsmöglichkeiten für die ungarische Landeswährung gibt es zwar, die sind aber teuer. Angesichts schwindender Margen in der Rezession bleibt kaum etwas für die Währungsabsicherung übrig.

Kurzfristig sind die Aussichten für die ungarische Landeswährung also alles andere als rosig. Auch wenn der Forint Erholungstendenzen zeigt. Hartnäckig hielt sich an den Devisenmärkten das Gerücht, die ungarische Nationalbank habe den Abwertungstendenzen des Forints durch eigene Interventionen ein Ende bereitet. Außerdem hilft die grundsätzlich wieder etwas bessere Stimmung an den Börsen. Auch die tschechische Krone und der polnische Zloty profitierten davon, die zuletzt ebenfalls deutlich an Wert verloren haben. "Die gesamte Region Osteuropa leidet unter einer negativen Grundstimmung der Investoren", sagt Tamás Móró von der Condorde Investmentbank in Budapest.

Mutige Anleger können höchstens langfristig auf eine Erholung des Forints setzen. Einige Devisenspezialisten wie Wolfgang Ernst von der Raiffeisen-Gruppe sind auf Jahressicht durchaus optimistisch. Sie setzen darauf, dass sich die wirtschaftliche Lage ab Sommer stabilisiert. Dann könnten sich die derzeitigen Forint-Kurse unter Umständen sogar als Schnäppchen erweisen.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

Kommentare zu " Devisen: Der Forint hält Experten in Atem"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%