Devisen
Durchgeschüttelter Franken

Spekulationen haben den Kurs des Schweizer Franken gedrückt. Seitdem die Anleger jedoch im Zeichen der Krise panisch zurück in ihre Heimatländer flüchten, vollzieht sich der Spekulationsprozess rückwärts. Die „carry trades“ werden aufgelöst und der Franken steigt. Das ruft nun die Schweizer Nationalbank auf den Plan.
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ZÜRICH. Jim Rogers macht sich Sorgen um den Schweizer Franken. Die staatliche Stützung der Großbank UBS hat sein Vertrauen in den sicheren Währungshafen schwer beschädigt. „Wenn die Schweiz die Attraktivität einer soliden Währung verliert, ist es das Ende der Schweiz“, sagte der bekannte US-Investor kürzlich in einem Interview mit der Zeitung „Finanz und Wirtschaft“. Trotz dieser Warnung können die Eidgenossen noch froh sein. Rogers hat sein Geld noch nicht aus der Alpenrepublik abgezogen.

Auch wenn sensible Anleger wie Rogers langsam nervös werden. Der Franken war in den vergangenen Jahren nicht nur Zufluchtsort für internationale Investoren, sondern auch Vehikel für Arbitragegewinne. Mit sogenannten „carry trades“ versuchten die Finanzjongleure Zinsdifferenzen auszunutzen. Dazu nahmen sie Franken-Kredite auf, tauschten das Geld in andere Fremdwährungen, um es zu höheren Zinsen anzulegen. Das hat jahrelang den Frankenkurs nach unten gedrückt. Seitdem die Anleger jedoch im Zeichen der Krise panisch zurück in ihre Heimatländer flüchten, vollzieht sich der ganze Spekulationsprozess rückwärts. Die „carry trades“ werden aufgelöst und der Franken steigt.

Die Aufwertung des Frankens hat jetzt die Schweizerische Nationalbank auf den Plan gerufen. Ihr Vize-Präsident Philipp Hildebrand droht unverhohlen mit einer Intervention der Notenbank auf dem Devisenmarkt, falls der Aufwertungsdruck nicht nachlässt. Für ein Land wie die Schweiz, das etwa die Hälfte ihrer Wirtschaftsleistung durch Exporte generiert, ist ein allzu starker Franken Gift für die ohnehin leidende Konjunktur. Die Ausfuhren sind bereits eingebrochen, und die Wirtschaft wird in diesem Jahr vermutlich leicht schrumpfen.

„Die Schmerzgrenze für die Nationalbank liegt vermutlich bei 1,43 Franken für den Euro“, mutmaßt Thomas Flury, Währungsexperte bei der UBS in Zürich. Mit 1,51 Franken ist das Alpengeld davon zwar noch ein gutes Stück entfernt. In den vergangenen zwölf Monaten ist die Schweizer Währung gegenüber dem Euro allerdings bereits um etwa zehn Prozent stärker geworden. Das war der stärkste Anstieg seit Einführung der Gemeinschaftswährung 1999.

Die Warnung von Rogers zeigt, dass selbst professionelle Anleger den Franken nicht mehr für bare Münze nehmen. Wer heute sein Geld in der Schweiz anlegt, muss also nicht nur „carry trades“, mögliche Interventionen der Notenbank und Zinsdifferenzen im Blick behalten. Da die meisten Notenbanken sich mit ihren Leitzinsen ohnehin der Nulllinie nähern, ist deren Einfluss auf die Wechselkurse eher zurückgegangen. Aktienanleger müssen zudem daran denken, dass die Gewinne Schweizer Exportunternehmen wie Nestlé oder Lindt & Sprüngli durch einen starken Franken geschmälert werden.

Wichtiger ist jedoch die allgemeine Risikoeinschätzung eines Währungsraums. Und hier wird das Bild sehr unübersichtlich. Einerseits wäre die Schweiz mit der Rettung ihrer beiden Großbanken finanziell total überfordert. Übersteigen doch die Bilanzsummen von UBS und Credit Suisse zusammen genommen die Wirtschaftskraft der Schweiz um das Siebenfache. Andererseits macht die Schweizer Regierung bislang keine Anstalten, das finanzielle Schicksal des Landes zur Rettung der Banken aufs Spiel zu setzen. Ein Staatsbankrott wie in Island ist nicht zu befürchten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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