Fünf Fragen an: Ute Klammer
„Die Sicherung über den Mann reicht nicht“

Ute Klammer ist Professorin für Sozialpolitik an der Universität Essen-Duisburg. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht sie über die Unterschiede bei der gesetzlichen Rente zwischen Mann und Frau.

Handelsblatt: Stimmt es eigentlich, dass verheiratete Frauen auch bei der gesetzlichen Rente im Vorteil sind gegenüber nicht Verheirateten?

Ute Klammer: Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Alterssicherung von Frauen beleuchtet. Die Ehe wird bei uns im Rentenrecht immer noch klar begünstigt, und zwar über das Instrument der Hinterbliebenenrenten, für die keine gesonderten Beiträge zu zahlen sind und die somit von allen Versicherten mitfinanziert werden. Für viele Frauen, die heute im Rentenalter sind, und auch die in den nächsten Jahren nachrückenden Frauenjahrgänge stellt diese Form der abgeleiteten Sicherung immer noch einen bedeutenden Bestandteil der Alterssicherung dar. Aber auch die Regelungen zum Versorgungsausgleich nach einer Scheidung sichern Frauen, die sich in der Ehe stärker der Haushaltsführung und Kindererziehung gewidmet haben, zumindest teilweise gegen das Risiko der Altersarmut ab. Problematisch ist, dass für verheiratete Frauen falsche Signale gesetzt werden. Wenn diese annehmen, sie seien über ihre Ehemänner hinreichend gesichert und bräuchten nicht selber für ihre Alterssicherung zu sorgen, so kann dieser Schuss nach hinten losgehen.

Relativiert sich die große Kluft zwischen Frauen- und Männerrenten in den gesetzlichen Renten im langfristigen Trend allmählich?

In Westdeutschland ist die durchschnittliche Frauenrente etwa halb so hoch wie die durchschnittliche Männerrente – diese Relation hat sich seit den 1960er-Jahren fast überhaupt nicht geändert. Allerdings haben sehr viel mehr Frauen heute überhaupt einen eigenen Rentenanspruch, weil sie zumindest kurz- oder teilzeitbeschäftigt waren. In Zukunft ist mit einer Verbesserung der Relation von Frauen- und Männerrenten zu rechnen, da viele Frauen stärker erwerbsorientiert sind und sich bereits beschlossene Verbesserungen bei der Anrechnung von Kindererziehungszeiten positiv auswirken werden. Männer sind im Gegenzug stärker von neuen Risiken wie Arbeitslosenphasen betroffen. In Ostdeutschland erreichen die heutigen Rentnerinnen auf Grund der hohen Erwerbsintegration der Frauen in der DDR schon etwa zwei Drittel der Ansprüche von Männern. Für die verbleibende Differenz ist weniger die Zahl an Erwerbsjahren als die niedrigere Entlohnung der Frauen verantwortlich.

Sind diese großen Unterschiede eigentlich ein typisch deutsches Phänomen?

Grundsätzlich ist Altersarmut in fast allen europäischen Ländern eher ein Problem der Frauen als der Männer. Länder, die stärker die Erwerbstätigkeit von Frauen bzw. auch Müttern fördern, wie die skandinavischen Länder, erreichen allerdings erfreulichere Ergebnisse als Deutschland.

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