Gutes Timing
Wie man den Zug nicht verpasst

Für die Rendite spielt die Verteilung des Vermögens eine viel wichtigere Rolle als der optimale Ein- oder Ausstiegszeitpunkt. Das ist eine gute Nachricht für Privatanleger, die generell ein schlechtes Händchen beim Timing haben.
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DÜSSELDORF. Der amerikanische Wissenschaftler Benjamin Graham gilt als geistiger Vater der Fundamentalanalyse und der substanzorientierten Anlagestrategie. Doch als Vermögensverwalter hatte er weniger Glück: Mitte der 50er-Jahre hob der US-Aktienmarkt ab, doch Graham verabschiedete sich aus Aktien, weil er die Märkte gemäß seiner Daten für völlig überteuert hielt. Auch seinen Studenten riet er, den Aktienmarkt zu meiden. 1958 liquidierte er seine Fondsgesellschaft und widmete sich bis zu seinem Tod 1976 Studien und Lehraufträgen.

Graham verpasste den rollenden Börsenzug – und tappte damit in die Falle, die allen Anlegern droht, die mit dem Aus- und Einstieg im Aktienmarkt danach trachten, ihre Rendite zu steigern. Einfach verkaufen, wenn die Märkte zu teuer sind, um Verluste zu vermeiden und später günstig wieder einzusteigen: Das erscheint plausibel, vor allem nach den herben Verlusten in der Phase zwischen 2000 und 2003, in der jeder Monat an der Seitenlinie der Märkte Verluste vermieden hätte. Und dennoch ist diese „Markttiming“ genannte Strategie aus wissenschaftlicher Sicht alles andere als clever. „Auf die Einzeltitelauswahl und das Markttiming entfällt langfristig lediglich ein Performancebeitrag von fünf Prozent. Viel wichtiger ist die Verteilung des Vermögens über die Anlageklassen mit einem Performancebeitrag von 70 bis 90 Prozent“, sagt Steffen Selbach, Leiter Vermögensmanagement der Deka Bank.

Die Argumente der Verfechter der These, der zufolge Markttiming nicht erfolgreich sein kann, fußen vor allem auf einer hohen Effizienz der Märkte. „Anleger können sich noch so viel und intensiv mit der Frage beschäftigen, wie sich der Dax kurzfristig weiter entwickeln dürfte. Sie werden kaum schlauer sein als der Markt, da dieser alle kursrelevanten Informationen bereits berücksichtigt hat“, sagt der Kölner Dachfondsmanager Eckhard Sauren. Er beobachtet und interviewt regelmäßig die aus seiner Sicht 300 besten Fondsmanager der Welt, „und von diesen 300 leistet bei lediglich zwei Managern der Ein- und Ausstieg aus den Märkten einen Renditebeitrag.“

Drei Faktoren erschweren den Erfolg der Timing-Strategie: Erstens steigen die Aktienmärkte langfristig. Wer daher gelegentlich an der Seitenlinie des Marktes auf günstige Kurse wartet, muss in sieben von zehn Fällen mit seinen Marktprognosen richtig liegen, um langfristig auf die Rendite des Aktienmarkts zu kommen. In der Praxis gelingt dies nur Genies. Zweitens liegen Tage mit starken Kursverlusten und starken Kursgewinnen eng beieinander. Wer aber die wenigen starken Börsentage verpasst, ruiniert seine langfristige Rendite. Nach Berechnungen der Fondsgesellschaft Fidelity konnte man im deutschen Aktienmarkt mit einer „Kaufen und Halten“-Strategie in den letzten 15 Jahren 8,7 Prozent pro Jahr verdienen. Wer nur die zehn besten Börsentage der letzten 15 Jahre verpasste, erzielte eine Rendite von nur 4,1 Prozent pro Jahr. Drittens haben Privatanleger gemäß Studien generell ein schlechtes Händchen beim Timing. Markttimer unter Privatanlegern schneiden im Schnitt um 1,6 Prozentpunkte pro Jahr schlechter ab als der Gesamtmarkt, haben die US-Kapitalmarktforscher Geoffrey Friesen und Travis Sapp in einer langfristigen Auswertung ermittelt.

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