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Neulinge – jetzt erst recht

Manche Börsenentwicklung aus Zeiten der Jahrtausendwende wirkt heute wie Lichtjahre entfernt: Als sich damals schlechte Aktien am Tag ihres Börsendebüts verdoppelten, gute verdreifachten und sehr gute vervierfachten, diskutierten Politiker offen darüber, ob es für Kleinanleger ein Recht auf Zuteilung neuer Aktien geben sollte.

FRANKFURT. Diese Zeiten sind längst Geschichte. Wer heute Aktien von Börsenneulingen zeichnet, hat gewöhnlich gute Chancen, diese auch zu bekommen.

Allerdings sind auch die Gewinnchancen gesunken. Die Unternehmen, die in diesem Jahr an die Börse gekommen sind, haben die Anleger in der Mehrzahl enttäuscht. Ein Großteil von ihnen notiert heute unterhalb ihres Ausgabekurses (siehe „Börsenneulinge im Prime Standard“). Prominentestes Beispiel ist die Aktie des Ferien- und Billigfliegers Air Berlin. Das von ZDF-Allzweckwaffe Johannes B. Kerner breit in der Öffentlichkeit beworbene Papier kam Mitte Mai zu zwölf Euro an die Börse. Zwischenzeitlich war es weniger als neun Euro wert, ehe es zuletzt wieder bergauf ging.

Weit weniger prominente Beispiele wie das Technologie-Unternehmen Primion oder der Computerspiele-Spezialist Magix erlebten prozentual betrachtet sogar einen noch größeren Absturz. Inzwischen stehen Anleger Neulingen deshalb so skeptisch gegenüber wie seit einem Jahr nicht mehr, hat das Analysehaus Sentix ermittelt.

Doch gerade das Gegenteil sollte der Fall sein. „Den aktuellen Pessimismus von Leuten, die dem Markt nichts mehr zutrauen, gab es in den letzten drei Jahren mehrmals in ähnlichen Phasen. Anschließend kam es jedes Mal zu positiven Überraschungen“, sagt Klaus Holschuh, Leiter Research und Volkswirtschaft bei der DZ Bank.

Der Kurssturz der vergangenen Wochen dürfte sich auch auf die Preise der Börsenneulinge auswirken. Profitierten diese bisher von vermeintlich dauerhaft steigenden Kursen an der Börse und boten ihre Aktien entsprechend teuer an, so zeigten bereits die jüngsten Emissionen, dass die Unternehmen den Investoren wieder entgegenkommen. Sowohl der Spezialkranhersteller Demag als auch der Stahlhändler Klöckner & Co. haben die Preise gesenkt.

Handelte es sich bei Emissionen vor wenigen Wochen noch um einen Verkäufermarkt, so hat sich der Wind inzwischen also zu Gunsten der Käufer gedreht. Die Chance auf anschließende Kursgewinne ist damit gestiegen, besonders wenn der Anleger mittel- bis langfristig denkt und nicht nur den schnellen Zeichnungsgewinn im Auge hat. Damit sind Kurssteigerungen in wenigen Tagen nach der Erstnotiz an der Börse gemeint.

Experten empfehlen deshalb eine Hand voll Kriterien, um sowohl Chancen als auch Risiken einer neuen Aktie auszuloten (siehe „Fünf Fragen“). Wichtigstes Element ist dabei die Bewertung, die aufzeigt, ob eine Aktie günstig, fair gepreist oder zu teuer ist. Dabei ziehen Analysten den Vergleich mit der so genannten Peer Group heran, also vergleichbare Unternehmen, die bereits an der Börse gelistet sind. Generell gilt: Die Aktien der Neulinge sollten billiger als diese sein. „Damit die Neuemission im Vergleich zu den Wettbewerbern zu einem attraktiven Preis an den Markt kommt, wird meist noch ein Bewertungsabschlag vorgenommen, der Luft für Kurssteigerungen nach der ersten Börsennotiz lässt“, sagt Stephan Grohnert, Leiter Institutionelles Geschäfts bei Comdirect. Ein Abschlag von 15 bis 25 Prozent gilt als normal.

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