Jochen Russ
„Policen starker Versicherer sind attraktiv“

Jochen Russ ist Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Im Interview spricht er über Policen und erklärt, worauf Anleger achten sollten.

Handelsblatt: Anleger haben die Wahl zwischen Fonds, die in deutsche, britische oder amerikanische Lebensversicherungen investieren. Welche Variante sollen sie wählen?

Jochen Russ: Welche Lebensversicherungen besser geeignet sind, hängt unter anderem von Anlagehorizont und Risikobereitschaft ab. Bei deutschen Policen ist die zweite Hälfte der Policenlaufzeit voraussichtlich die ertragsstärkere. Die anfangs anfallenden Abschlusskosten sind dann bereits getilgt, und die Schlussüberschüsse stehen noch bevor. Über die zukünftigen Überschüsse sind die Renditen jedoch mit den Kapitalmärkten korreliert. Dieses Grundprinzip gilt auch für britische Policen. Doch hier sind die Garantien geringer, dass Überschüsse stärker als Schlussüberschüsse und weniger in Form von laufenden Überschüssen gutgeschrieben werden. Zudem legen britische Versicherer stärker in Aktien an. Die Chancen, aber auch die Risiken sind höher als bei deutschen Policen. Eine Investition in US-Policen funktioniert dagegen ganz anders. Hier werden Todesfallversicherungen von nicht mehr ganz gesunden Senioren gehandelt. Ein Anleger investiert somit in den Wert des versicherten Todesfallschutzes. Die Rendite hängt nur vom Eintrittszeitpunkt des Todesfalls ab und ist nahezu unabhängig von Aktien- oder Zinsentwicklungen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass nicht alle von Fonds beauftragten medizinischen Gutachter qualitativ hochwertige Lebenserwartungsprognosen abliefern können.

Wie sieht es derzeit auf dem Zweitmarkt für deutsche Lebensversicherungen aus?

Die Zahl der Policenaufkäufer ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Andererseits wächst die Zahl der angebotenen Policen deutlich, da der Bekanntheitsgrad des Zweitmarkts stark zugenommen hat.

Wie kalkulieren Aufkäufer deutsche Policen?

Der Käufer kennt die Ablaufleistung bei Fälligkeit heute noch nicht. Sie besteht neben dem garantierten Teil aus Überschüssen. Daher ist das Herzstück der Kalkulation jedes Aufkäufers die Prognose der zukünftigen Überschüsse. In der Regel wird hierzu die Ablaufprognose des Versicherers angepasst. Zu diesem Zweck verwenden die meisten Aufkäufer ein Überschusskraft-Rating. Policen von in diesem Sinne schwachen Versicherern werden nicht gekauft, Policen von starken Versicherern sind hingegen attraktiv.

Wie hebeln Fonds die Renditen?

Fonds, die in deutsche Policen investieren, arbeiten in der Regel mit Fremdkapital. Dadurch wird das Risiko der Anlage natürlich erhöht. Insbesondere bei stark gehebelten Produkten besteht die Möglichkeit, dass so ein Fonds trotz der Mindestverzinsung in den Policen Verluste erleidet, wenn die Fortsetzungsrenditen der Policen unter den Fremdfinanzierungszinssatz fallen. Zudem sind die Annahmen, die einige Fonds über die Entwicklung der Überschüsse treffen, optimistisch. Teilweise liegt der prospektierten Rendite die Annahme zu Grunde, dass die jährlich zugewiesenen Überschüsse im Laufe der nächsten Jahre massiv steigen.

Worauf sollten Anleger achten?

Wichtig ist auf jeden Fall, dass man nur Geld in geschlossene Fonds investiert, das man voraussichtlich während des Anlagehorizonts nicht benötigen wird. Auch wenn man kein Experte für die Anlageklasse ist, sollte man die im jeweiligen Prospekt getroffenen Annahmen auf Plausibilität prüfen – beispielsweise, ob die Annahmen über künftige Überschüsse realistisch sind.

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