Larry Chorn
„Schon 2010 keine Kapazitätsreserven mehr“

„Wir haben ausreichend Öl im Boden, stehen aber vor einem beispiellosen Nachfrageschub“, sagt Larry Chorn. Im Interview warnt der Chefvolkswirt des Energieinformationsdienstes Platts vor unzureichenden Investitionen in die Öl- und Gasförderung, spricht über Angebotslücken und den Einfluss der US-Biotreibstoff-Strategie.
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Handelsblatt: In einer aktuellen Studie warnen Sie vor den Folgen unzureichender Investitionen in die Öl- und Gasförderung. Was kommt da auf uns zu?

Larry Chorn: Die Ölindustrie hätte 2006 rund 350 Mrd. Dollar investieren müssen, um in den Jahren 2010 bis 2012 die Nachfrage decken zu können. Tatsächlich hat sie aber nur 230 Mrd. Dollar ausgegeben. Das heißt, schon 2010 werden wir keine Kapazitätsreserven auf dem Markt mehr haben. In den folgenden Jahren wird die Nachfrage die Produktion übersteigen. Das kann die Preise nur in die Höhe treiben.

Werden wir innerhalb von fünf Jahren einen Ölpreis von 100 Dollar je Barrel sehen?

Das ist absolut denkbar. Wir sind ja schon über 85 Dollar. Und allein schon der Verfall des Dollars treibt den Ölpreis weiter an.

Wie können wir die sich abzeichnende Angebotslücke rasch schließen, um weitere Preisanstiege zu vermeiden?

Wir haben ausreichend Öl im Boden, stehen aber vor einem beispiellosen Nachfrageschub. Nötig sind bis 2030 Investitionen von über 20 Bill. Dollar, um das zusätzliche Öl fördern, transportieren und verarbeiten zu können. Entscheidend ist: Investieren die Ölkonzerne schnell genug, um mit der steigenden Nachfrage mitzuhalten?

Hängt das gerade im Fall der staatlichen Ölkonzerne nicht auch vom Willen ab?

Stimmt. Die Golfstaaten zum Beispiel haben genug Geld und auch technische Expertise, aber sie steuern die Entwicklung ihrer Produktion so, dass sie auch in fernerer Zukunft noch genug Öl anbieten können. Denn sie erwarten, dass das Öl dann noch mehr wert sein wird.

Wann erreichen wir den Punkt, an dem die steigenden Ölpreise die Nachfrage dämpfen?

Das geschieht bereits in Europa. Auch in den USA sind erste Preiseffekte zu erkennen. Aber die rasant steigende Nachfrage aus China und Nahost wird diese Effekte winzig erscheinen lassen.

Welchen Einfluss hat die US-Biotreibstoff-Strategie?

Wenn die USA die geplante Menge Biotreibstoffe für Verkehr produziert und ihre Ziele für effizientere Autos erreicht, könnten sie die Treibstoffnachfrage um 20 Prozent reduzieren. Das ist ein bedeutsamer Beitrag, ändert aber nicht wirklich etwas am Gesamtbild.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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