Ölpreis
Plötzlich sind 100 Dollar ganz nah

Der Ölpreis hat erstmals die Marke von 90 Dollar pro Barrel geknackt. Und die meisten Analysten haben für die kommenden Jahre ihre Preisprognosen nach oben revidiert. Für Investoren bietet der stetig steigende Preis des schwarzen Goldes neue Chancen.
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LONDON. Noch vor drei oder vier Jahren war ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel eine Horror-Vision. Doch nach einer Woche, in der die Notierungen aus vergleichsweise nichtigen Anlässen auf die 90 Dollar zumarschierten, ist die magische Marke plötzlich greifbar nah. Und noch erstaunlicher: Die westlichen Industriestaaten nehmen die Preisrekorde mit einem Achselzucken zur Kenntnis, scheinen sie doch das Wachstum nicht zu bremsen.

Zwischen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) als Vertreterin der Verbraucherländer und der Opec, dem Kartell der Ölproduzenten, spielt sich das übliche Fingerhakeln ab. Die IEA fordert die Opec auf, die Produktion rechtzeitig vor der Wintersaison auf der Nordhalbkugel zu steigern, um nicht noch höhere Preisausschläge zu provozieren. Doch die Ölproduzenten mauern und geben Spekulanten die Schuld an den Rekordpreisen. Der Rohölmarkt sei sehr gut versorgt, sagt Opec-Generalsekretär Abdulla El-Badri. Außerdem findet die Opec, dass der Kursverfall des US-Dollars einen höheren Ölpreis rechtfertige. Schließlich kauften die Opec-Länder einen großen Teil ihrer Waren in Euro.

Vor diesem Hintergrund haben die meisten Analysten ihre Ölpreisprognosen für die kommenden Jahre nach oben revidiert. Francisco Blanch von Merrill Lynch hält bei einem unerwartet kalten Winter oder einer ernsthaften politischen Krise in Nahost einen Sprung auf 100 Dollar je Barrel (159 Liter) für möglich. Jeffrey Currie von Goldman Sachs rechnet nun für 2008 mit einem Durchschnittspreis von 85 Dollar.

Auch wenn viele Ölexperten die kurzfristigen Ausschläge für übertrieben halten – der langfristige, fundamentale Trend spricht für weiter steigende Ölpreise. Der Weltmarkt für Öl und Gas wird, wie die Märkte für andere Rohstoffe, derzeit vor allem von der unaufhaltsam steigenden Nachfrage aus China und anderen aufstrebenden Industriestaaten bestimmt. Anders als der Markt für Metalle unterliegt der Ölmarkt aber nicht vorwiegend dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage.

Auf dem Metallmarkt versuchen internationale Rohstoffkonzerne, die Angebotslücke zu schließen, die die enorme Nachfrage aus China aufgerissen hat. Ihre Minenprojekte konzentrieren sich auf stabile Länder wie Australien, Kanada, Brasilien und Südafrika. Auf dem Ölmarkt hingegen befinden sich 80 Prozent der Reserven in staatlichen Händen, vor allem im politisch instabilen Nahen Osten und in Russland.

Für die internationalen Ölkonzerne wird es damit immer schwerer, neue Ressourcen zu erschließen. Sie bohren in der Tiefsee, investieren in Flüssiggas und in die Förderung von Ölsänden. Die wachsenden technischen Herausforderungen hinterlassen in den Bilanzen der Öl-Multis ihre Spuren: Sie haben Probleme, ihre Produktion überhaupt noch zu steigern und das geförderte Öl und Gas immer wieder durch neu entdecktes zu ersetzen.

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