Rohstoffe
Wasser: Das Maß aller Dinge

Die Finanzbranche ist mit neuen Anlagetrends schnell bei der Hand. Öl, Gold, Solarenergie – auch Wasser gehört dazu. Weil es ein knappes Gut sei, die Preise deshalb in den kommenden Jahren deutlich steigen würden, kämen Anleger nicht um ein Wasser-Investment herum. So oder ähnlich steht es zumindest in diversen Produktprospekten der Zertifikate- und Fondsbranche geschrieben. Die Zahlen sind besorgniserregend.
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FRANKFURT. 1,2 Milliarden Menschen sind derzeit von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten; 2,6 Milliarden Menschen trinken Abwasser, das nicht ausreichend geklärt ist; 5 000 Kinder sterben täglich an den Folgen des Wassermangels. Eine humanitäre Katastrophe.

Wahr ist auch, dass das Angebot durch das Wachstum der Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Entwicklung in aufstrebenden Nationen wie China oder Indien knapper wird. Auch die veränderten Essgewohnheiten der Menschen – hin zu einer stärker proteinhaltigen Nahrung und mehr Fleisch – erfordern Einsatz von mehr Wasser. Etwa 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs entfallen auf die Landwirtschaft. Die Vereinten Nationen (Uno) erwarten, dass die Welt im Jahr 2025 bis zu 40 Prozent mehr Wasser verbrauchen wird als heute.

In vielen Großstädten in den Industrienationen sind die Wasserleitungen völlig marode, Millionen Liter Wasser versickern ungenutzt im Untergrund. Experten schätzen, dass in den kommenden 20 Jahren bis zu 1 000 Mrd. US-Dollar weltweit für die Instandsetzung investiert werden müssen, insbesondere in den USA und Großbritannien. Die Investmentbank Goldman Sachs glaubt, dass die Wasserbranche deshalb in den kommenden Jahren jeweils um 15 bis 25 Prozent wachsen wird. „Es ist ganz klar, dass sich der Umgang mit diesem Rohstoff ändern wird – was wiederum neue Märkte eröffnet und Chancen verspricht“, sagt auch Richard Stathers von der britischen Fondsgesellschaft Schroders.

Der Rohstoff selbst wird im Gegensatz zu Öl, Weizen oder Zucker nicht an der Börse gehandelt. Anleger müssen deshalb auf Umwegen in Wasser investieren, etwa über Aktien von Unternehmen, die ihr Geld mit Wasser verdienen. Doch das Feld könnte kaum weiter sein. Stathers setzt etwa auf Unternehmen, die sich auf die Infrastruktur (Weir, Rotork) sowie die Reinigung (Christ Water Technology) oder die effizientere Nutzung von Wasser (Spirax-Sarco) spezialisiert haben. Außerdem seien die klassischen Wasserversorger wie Veolia, United Utilities oder Wavin für Anleger interessant, da diese von steigenden Wasserpreisen profitieren dürften.

In Deutschland finden Anleger kaum börsennotierte Wasserunternehmen. Der deutsche Markt ist stark zersplittert, die Versorgung ist in der Hand kleinerer Firmen oder kommunaler Betreiber. Die Energieversorger RWE und Eon mischen zwar auch im Wassergeschäft mit, dieses gehört jedoch nicht zum Kerngeschäft.

Anleger, die nicht über Aktien in den Wassermarkt investieren wollen, finden ein üppiges Angebot an Fonds und Zertifikaten. Fast jeder größere Anbieter hat entsprechende Produkte auf Lager. Viele Zertifikateemittenten orientieren sich bei der Zusammenstellung der Basiswerte am World Water Index (Wowax), der die wichtigsten Unternehmen der Branche abbildet. Ganz ähnlich sieht es bei den Fonds aus. Zu den bekannteren Produkten zählt hier der Water Fund von Pictet. Auf Dreimonatssicht steht bei ihm ein Plus von knapp acht Prozent zu Buche.

Einer Illusion, die auch in vielen Werbeprospekten geweckt wird, sollten sich Anleger aber nicht hingeben. Indem sie in Unternehmen investieren, die ihr Geld mit der Aufbereitung von Wasser verdienen, tun sie nicht zwangsläufig etwas Gutes. Die Unternehmen schauen auf ihre Rendite. Ausgerechnet die abgelegenen Gegenden Afrikas oder Teile Südamerikas – Regionen, in denen es zu wenig reines Wasser gibt – meiden die Konzerne. Aber auch in den Industrieländern ist nicht alles, was den Investoren nutzt, gleichzeitig nützlich für die Verbraucher. Das zeigt das Beispiel England. Unter der Ägide der Premierministerin Maggie Thatcher wurde die heimische Wasserversorgung im Jahr 1989 privatisiert. Von Anfang an warfen Kritiker den privaten Eigentümern vor, sie investierten zu wenig in die Leitungen, erhöhten aber gleichzeitig die Preise. Inzwischen schauen die Behörden bei Wasserqualität und Preisen genauer hin.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

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