Rüdiger von Rosen
„Wir brauchen den mündigen Aktionär“

Rüdiger von Rosen ist Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI) in Frankfurt. Im Interview spricht er über die Zukunft der Aktie und die deutsche Aktienkultur.

Handelsblatt: Wie sehen Sie die Zukunft der Aktie? Wo geht die Entwicklung hin?

Rüdiger von Rosen: Die Aktie ist die Anlageform der Zukunft. Wenn wir die aus der demographischen Entwicklung resultierenden Probleme insbesondere bei der Altersvorsorge lösen und der Unternehmensfinanzierung in Deutschland eine breitere Basis verschaffen wollen, kommen wir gar nicht umhin, die Aktie stärker als bislang zu nutzen. Ich bin zuversichtlich, dass nicht nur Anleger und Unternehmen, sondern auch die Politik dieses erkennen und bei ihren Entscheidungen berücksichtigen werden.

Wird die Bedeutung der Aktie zunehmen oder zu Gunsten anderer Geldanlageformen abnehmen?

Die Aktie wird mittel- bis langfristig ein größeres Gewicht bei den privaten Geldanlagen einnehmen und gleichzeitig von den Unternehmen stärker als Finanzierungsinstrument genutzt werden als bisher. Auch die Bedeutung von Aktienfonds und Zertifikaten, die direkt oder indirekt zu einer Investition in Aktien führen, wird steigen. Zum einen ist die Aktie als Anlageform wie als Finanzierungsinstrument ihren Konkurrenten auf Dauer überlegen. Darüber hinaus werden festverzinsliche Papiere in dem Ausmaß an Bedeutung verlieren, wie die öffentlichen Haushalte ihre Verschuldung zurückführen.

Welche Neuerungen bei dieser Form der Geldanlage wird es geben?

Das Aktien- und Börsenrecht unterliegt stetigen Veränderungen. Wir haben in den vergangenen Jahren einen großen Sprung in puncto Transparenz, Anlegerschutz und Vertrauensbildung gemacht. Dies war nach den Erfahrungen des Jahres 2000 und den verschiedenen Unternehmensskandalen vor allem in den USA auch notwendig. Ebenso notwendig ist es nun, dass der Gesetzgeber den Marktteilnehmern Zeit lässt, die verschiedenen Reformen wirken zu lassen. Anleger dürfen nie vergessen, dass eine Aktie die Beteiligung an einem Unternehmen und damit eine grundsätzlich risikobehaftete Anlageform ist. Die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen trägt der Aktionär selbst.

Welche Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden beziehungsweise wie müssen sich diese entwickeln?

Wir haben das Ziel des mündigen Aktionärs vor Augen – der seine Entscheidungen unter Kenntnis der Chancen und Risiken der Aktienanlage trifft, sein Depot breit streut und neben Aktien auch andere Anlageformen hält. Die Anlegerschutz- und Transparenzvorschriften sind hier zu Lande schon sehr hoch entwickelt. Deutlichen Verbesserungsbedarf sehe ich allerdings noch in der Anlegerbildung; hier brauchen wir langfristig ein Schulfach Ökonomie und eine kontinuierliche Unterrichtung der Anleger durch Unternehmen und Medien.

Wie wird sich die Aktienkultur hier zu Lande entwickeln?

Neben der beschriebenen Verbesserung der Anlegerbildung sehe ich vor allem zwei Ansatzpunkte. Punkt eins: Das steuerliche Umfeld für die Aktienanlage muss stimmen. Die geplante Abgeltungssteuer darf einen Satz von maximal 20 Prozent einschließlich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer haben. 25 Prozent sind zu hoch. Punkt zwei: Wir müssen Strukturen schaffen, in denen die Aktie stärker für die Altersvorsorge genutzt wird. Riester- und Rürup-Rente sind erste Ansatzpunkte, aber noch nicht deutlich genug fokussiert.

Wird es in Zukunft eher mehr oder eher weniger Aktionäre geben?

Die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Anteilen an Aktienfonds in Deutschland wird steigen. Langfristig werden die Anleger erkennen, dass sie auf die Aktie nicht verzichten können.

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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