Russland
Nataschas Devisen-Büdchen

Ein kleines gelbes Schild an der Stahltür, daneben eine Klingel mit Videoüberwachung. Es gibt Hunderte Wechselstuben in Moskau, versteckt in Hinterhöfen. Viele bieten oft günstigere Kurse als die Zentralbank. Einen guten Überblick gewährt das Internet, das auf speziellen Webseiten die aktuellen Kurse der Devisen-Büdchen sowie ihren Standort preisgibt. Aus dem Moskauer Alltag sind sie nicht wegzudenken.
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MOSKAU. Natascha Rodion sitzt schon seit neun Jahren in so einer Hinterhof-Wechselstube, die zur Finansowij Standard Bank gehört. Sie hat die Höhen und Tiefen des Rubels täglich verfolgt. Es ist noch gar nicht so lange her, da kamen die Leute zu ihr, um ihre Dollar-Ersparnisse nicht nur in Euro zu wechseln, sondern vor allem in Rubel. Langsam, aber sicher drängte die heimische Währung den Greenback immer weiter zurück, der über lange Zeit das bevorzugte Zahlungsmittel in Russland war.

Noch vor sechs Jahren wurden selbst kleine Dienstleistungen in Naturalien (Cognac) oder in Dollar bezahlt. Restaurants und Geschäfte wiesen Preise in Rubel und in „U.E.“ aus, einer „fremden Währungseinheit“, bis das russische Parlament per Gesetz gegen die doppelte Auszeichnung einschritt. Doch dann sorgte der Rohstoffboom für die Rückkehr des Rubel im russischen Alltag.

Wegen des Einbruchs beim Ölpreis und dem Vertrauensverlust der Investoren in Russland nach dem Georgienkrieg rutscht auch der Rubel ab. Seit Mitte vergangenen Jahres hat die russische Währung zum Euro rund ein Fünftel und zum Dollar mehr als ein Drittel ihres Wertes verloren.

Dass sich vor Nataschas Wechselstube keine Schlangen gebildet haben, hat den russischen Staat viel Geld gekostet. Von den rund 600 Mrd. Dollar Währungsreserven sind mehr als 200 Mrd. in kürzester Zeit „verbrannt“, weil die Zentralbank den Rubel nicht komplett abwerten wollte. Zu präsent sind noch die Erinnerungen in der Bevölkerung an den Bankencrash 1998. Panische Sparer konnte sich die Regierung angesichts der größten Weltwirtschaftskrise seit Dekaden nicht leisten.

Dennoch: Wer konnte, hat seine Rubelbestände aufgelöst und in Dollar und Euro getauscht. Viele taten dies in den Wechselstuben, denn in Russland hat nach wie vor nicht jeder ein Konto. So haben denn die Moskauer ihre Rubel wieder in die „Obmeniki“ getragen – die Devisen-Büdchen.

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