Sechs Fragen an: Martin Weber
„Sich selbst in den Griff bekommen“

Martin Weber ist Professor für Banklehre an der Universität Mannheim. Im Handelsblatt-Interview spricht er über die Chancen von Privatanlegern und warum sie die Signale des Marktes ignorieren sollten.
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Können Privatanleger den Markt überhaupt schlagen?

Der Eine oder Andere mag das mal zufällig schaffen oder eine gute Intuition haben. Erwarten kann man kann das aber nicht. Statistisch gesehen hinken Privatanleger dem Markt im Schnitt mit einem Minus von drei bis vier Prozentpunkten hinterher.

Welche Gründe hat das?

Privatanleger investieren in zu wenige Aktien und picken dann oft auch noch die falschen heraus. Ein Einzelner kann sein Portfolio einfach nicht weit genug streuen. Die Banken treiben dagegen einen hohen Aufwand, den Privatanleger nicht leisten können. Der Händler einer Bank in Frankfurt zum Beispiel ruft morgens seine Kollegen in Tokio oder Hongkong an und fragt, wie dort der Handel läuft. Banken haben auch die Möglichkeit der Investoren-Gespräche, wo sie sich eine eigene Meinung über den Vorstand und die Geschäftspolitik bilden können.

Sollen Privatanleger also gar nicht in Aktien investieren?

Doch. Anleger sollten aber nur wenige Einzelaktien kaufen. Stattdessen empfehle ich, Aktienfonds oder Indexfonds zu kaufen. Einzelwerte sollten sie dann höchstens als kleine Wette obendrauf hinzunehmen. So ist noch ein bisschen Spaß dabei. Vielleicht hat man zufällig im Urlaub einen Mitarbeiter eines Unternehmens getroffen, der erzählt, wie gut es bei denen gerade läuft. Wenn man dann ein paar dieser Aktien kauft, ist das in Ordnung. Ein gutes Portfolio sollte aber viele verschiedene Anlagemöglichkeiten nutzen. Aktien und Aktienfonds sind nur ein Teil. Rentenpapiere, Festgeldkonten oder Sparbriefe gehören dazu, unter Umständen auch Immobilien.

Sollten Anleger ihre Aktienfonds verkaufen, wenn die Märkte gut laufen wie jetzt?

Nein. Man weiß nicht, was morgen kommt. Privatanleger sollten einfach die Signale aus dem Markt ignorieren. Die Entscheidung zum Kaufen oder Verkaufen sollten sie vielmehr aus der persönlichen Bedarfssituation heraus treffen. Eine absolut wichtige Sache ist dabei die eigene Einstellung zum Risiko. Ein Beispiel: Ich lege 10 000 Euro eher riskant an. Aber ich weiß, dass ich höchstens zehn Prozent verlieren darf, weil ich den Rest beispielsweise für das Studium brauche. Wenn meine Anlage nur noch 9 000 Euro wert ist, muss ich natürlich sofort verkaufen, bevor ich unter Umständen noch mehr verliere.

Ist es nicht menschlich, die eigene Planung über den Haufen zu werfen, je nachdem, ob die Märkte gerade äußerst schlecht oder überaus gut laufen?

In jedem Menschen sitzen zwei Persönlichkeiten. Die eine ist der Planer, sozusagen das Gute. Die andere ist die des Machers, das Irrationale. Man kann natürlich den Macher ausleben und hoffen, sich von dem erwirtschafteten Geld einen Porsche kaufen zu können. Oder man diszipliniert sich und bekommt sich selbst in den Griff.

Was halten Sie selbst von Aktien?

Dank Aktien hat jeder mit ein bisschen Geld die Möglichkeit, sich langfristig am Produktivkapital zu beteiligen. Das ist doch grandios. Das konnte man früher als einfacher Mensch nicht. Heute kann sich dank der Aktien ein einfacher Arbeiter wie ein Unternehmer fühlen und auch mal eine dicke Zigarre rauchen.

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