Sechs Fragen zum Thema Erbschaft an: Lenhard Hesse
„Der Erblasser würde sich oft wundern“

Prof. Dr. Lenhard Hesse ist Partner der Kanzlei Flick, Gocke, Schaumburg und Spezialist für Erbfolge und Unternehmernachfolgeplanung. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt der Jurist, warum manche Testamente für ungültig erklärt werden, worin der Unterschied zu Erbverträgen liegt und wo man sein Testament am besten aufbewahren sollte.
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Herr Jesse, trotz Testaments landen immer noch etliche Erbfälle vor Gericht. Woran liegt das?

Zum einen finden sich die durch das Testament benachteiligten Angehörigen des Erblassers oftmals nicht mit dem Ergebnis ab. Zum anderen machen vor diesem Hintergrund häufig gerade solche Testamente Probleme, in denen die Fachbegriffe fehlen. Hat der Verstorbene seine Wünsche ohne Beratung einfach selbst verfasst, lassen sich diese oftmals juristisch unterschiedlich interpretieren. Die Gerichte versuchen zwar, den eigentlichen Willen des Erblassers zu erkennen. Wenn dieser aber teilweise die endgültige Entscheidung hören könnte, würde er sich oftmals sicher wundern.

Kann es passieren, dass ein Testament sogar für ungültig erklärt wird?

Möglich ist das, vor allem wenn formale Regeln nicht eingehalten werden. Dazu zählt beispielsweise, dass das Testament, solange es nicht vom Notar beurkundet wird, noch immer von Hand geschrieben werden muss. Dies gilt übrigens auch bei Ehepaaren, die gemeinsam ein Testament verfassen. Die Partner müssen dann auch beide das von Hand geschrieben Dokument unterschreiben.

Gibt es noch weitere formale Regeln?

Problematisch wird es auch, wenn der Erblasser sein Testament über die Jahre häufig ändert oder erweitert. Dabei passiert es oft, dass er sich am Ende selbst widerspricht und das Testament dann erhebliche Auslegungsfragen aufwirft oder sogar ungültig wird.

Immer häufiger werden auch Erbverträge geschlossen. Was sind denn die Unterschiede zu Testamenten?

Erbverträge müssen prinzipiell notariell beurkundet werden. Im Gegensatz zum Testament sind es Verträge, die mindestens zwischen zwei Personen geschlossen werden. In einem Erbvertrag kann beispielsweise ganz genau geregelt werden, welches Kind später einmal das Unternehmen bekommt und was es dafür als Gegenleistung an seine Geschwister zahlen muss.

Gibt es auch bei Erbverträgen Schwierigkeiten?

Da stets ein Notar beteiligt ist, sind die Probleme später weitaus geringer. Allerdings sollte man sich genau überlegen, ob man einen Erbvertrag abschließen will. Denn dieser kann von dem potenziellen Erblasser nicht wie ein Testament einfach wieder aufgehoben werden.

Um den Vertrag zu verändern oder aufzuheben, müssen immer beide Parteien zustimmen. Dies kann problematisch sein, weil man sich zu früh durch einen Erbvertrag bindet. Die spätere Entwicklung der Kinder kann dann aber anders verlaufen, als ursprünglich gedacht. Eine Aufhebung des Erbvertrages mit den Kindern gelingt dann oftmals nur gegen Zahlung entsprechender Abfindungen.

Wo sollte ein Testament aufbewahrt werden?

Das Testament kann grundsätzlich zu Hause, bei einem Notar oder beim Amtsgericht hinterlegt werden. Entscheidend ist nur, dass es nach dem Tod auch gefunden wird. Das Testament sollte aber auf jeden Fall sorgfältig aufbewahrt werden. Es empfiehlt sich auch, gebenenfalls eine Kopie bei einer Person seines Vertrauens zu hinterlegen. In der Lebenswirklichkeit kommt es häufig vor, dass zu Hause aufbewahrte Testamente im Erbfall „verschwinden“ oder manipuliert werden.

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