Technische Analyse
Die Hausse nährt sich selbst

Ganze Heerscharen von Menschen sind Tausende von Kilometer gereist, um in das kleine, verschlafene Nest San Francisco an der Westküste zu gelangen. Die sagenhaften Goldfunde in den Flüssen Kaliforniens im Jahr 1848 hatten sie angelockt. Heute erleben Anleger wieder einen Goldrausch. Doch statt in Flüssen zu schürfen, folgen sie dem Trendkanal der Charttechniker.
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DÜSSELDORF. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Preis für eine Feinunze Gold nahezu verdreifacht. Anfang 2008 schwang sich der Goldpreis zu einem Allzeithoch bei 1 010 Dollar auf, im Februar dieses Jahres kratzte er erneut an der magischen Marke von 1 000 Dollar.

Wie in den Jahren um 1848 herum sind Anleger in Scharen dem verlockenden Edelmetall gefolgt. Doch nicht das Abenteuer reizt die Investoren, sondern der Ruf als „sicherer Hafen“ in Zeiten von Finanzkrise, Rezession und dem gefürchteten Szenario einer Inflation. Neben dieser fundamentalen Perspektive zeigt sich das Gold auch aus charttechnischer Sicht im Aufwind. „Der Kursverlauf liegt in einem Aufwärtstrendkanal“, sagt Christian Henke, Chartanalyst bei der WestLB. Ein Trendkanal besteht aus einer oberen Widerstandslinie und einer unteren Unterstützungslinie die parallel verlaufen. Zwischen diesen Linien bewegt sich der Kurs. Anhand des Trendkanals kann der Anleger die generelle Richtung einer Kursentwicklung erkennen: Zeigt er nach oben, steigen die Kurse tendenziell, zeigt er nach unten, sinken sie eher.

„Wir werden einen relativ zügigen Angriff auf das Allzeithoch erleben“, meint auch Chartanalyst Marcus Metz von Staud Research in Bad Homburg. Hat der Goldkurs diese Marke überschritten, ist aus Sicht der Charttechniker der Weg für weitere Höhenflüge frei. Mit Überschreiten der 1 000-Dollar-Marke ist auch eine wichtige psychologische Barriere durchbrochen. „Alle Widerstände wären überwunden“, meint Henke von der WestLB.

Wie hoch der Aufschlag auf das Allzeithoch ausfällt, wissen Charttechniker nicht. In diesen Höhen fehlen jegliche Orientierungsmarken wie Widerstandslinien, die sich aus früheren Hochständen ableiten. „Wir bewegen uns hier aus charttechnischer Sicht in unbekanntem Terrain“, sagt Marcus Metz. „Laut Faustregel können wir aber mit einem Aufschlag von rund zehn Prozent auf das Allzeithoch rechnen.“ WestLB-Analyst Henke kommt bei Hochrechnungen sogar auf ein Kurspotenzial von mehr als 1 400 Dollar, 1 200 Dollar hält er aber für realistisch.

Trotz der fulminanten Aussichten für den Preis des Edelmetalls sollten Anleger vorerst Zurückhaltung walten lassen. „Kurzfristig gesehen würde ich Anlegern derzeit nicht zu einem Einstieg in Gold raten“, sagt Henke von der WestLB. Erst wenn die 1 000-Dollar-Marke geknackt sei, könnten Privatanleger ruhigen Gewissens zugreifen. Denn seinen Gipfelsturm hat der Goldkurs nach dem jüngsten Anlauf auf den Höchststand unterbrochen. Eine Unterstützungslinie, die den Kurs bei 930 Dollar nach unten absichert, hat der Goldkurs bei seinem Marathon gerissen. Er sackte auf unter 900 Dollar ab. Unterstützungen sind meist vorangegangene Widerstände, die überwunden worden sind und nun den Kurs vor einem Verfall abstützen.

Nach klassischer Sicht würde sich bei einem solchen Verfall eine verhängnisvolle Trendwende-Formation abzeichnen: ein Doppel-Top, das eine Baisse einläutet. Doch die Experten geben Entwarnung. „Wir erleben derzeit nur eine Verschnaufpause nach dem jüngsten Anläufen auf das Allzeithoch“, sagt Metz von Staud Research. „Der langfristige Hausse-Trend beim Gold ist intakt.“ Dafür sprechen auch die sogenannten Trendfolgeindikatoren, die auf einen weiteren Kursanstieg hindeuten. Zudem sichert eine weitere Unterstützung bei rund 850 Dollar den Kurs ab. Diese Unterstützungslinie ergibt sich aus den Hochständen, die der Goldpreis Anfang der 1980er-Jahre erreicht hatte.

Selbst ein Rutsch unter diese Marke muss keine Wende in eine Baisse einleiten. Denn die obere Begrenzung des aufwärts gerichteten Trendkanals liegt derzeit bei 775 US-Dollar. „Bleibt der Kurs ständig darüber, ist die Hausse intakt“, sagt Henke. Darunter liegt bei der Marke von rund 650 Dollar die untere Linie des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals. Erst wenn der Goldkurs alle Marken in einem Sturz durchbricht, könnte die andauernde Hausse in Gefahr geraten. Die nächste Unterstützung liegt im Bereich von rund 500 Dollar. Bis dorthin ist es noch weit.

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