Vorsorge
Der lange Weg zur Zusatzrente

Wer eine Lebensversicherung für die Rente abschließt, muss erst einmal über Jahrzehnte hinweg einzahlen. Das überfordert viele Kunden. Was es zu beachten gibt.
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Es gibt Fragen, die werden landläufig mit Ja beantwortet. Dabei wäre genauso gut Nein die richtige Antwort. Taugen Lebensversicherungen zur Altersvorsorge? Das ist so eine Frage. Versicherungsberater Rüdiger Falken aus Hamburg ist seit gut 20 Jahren im Geschäft - und er sagt: Nein, der Abschluss einer Lebensversicherung lohnt in der Regel nicht.

Für die Deutschen mit ihren 95 Millionen Lebensversicherungsverträgen ist das keine erfreuliche Antwort. Auch nicht für die Branche, die dieses Jahr 91 Milliarden an Beiträgen einnimmt.

Das Beispiel des Versicherungsberaters: Ein 30-Jähriger möchte wissen, ob sich für ihn eine Lebensversicherung rechnet. Die klassische Antwort eines Versicherungsvertreters wäre jetzt: Man kann nicht früh genug mit der Altersvorsorge beginnen. Stichwort Rentenlücke. Stichwort Zinseszinseffekt. Versicherungsberater Falken bestreitet diese grundsätzliche Aussage nicht. Aber er rät dem 30-Jährigen dennoch: "Kein Geld in die Lebensversicherung stecken." Denn da ist es 30 Jahre und länger gebunden - was - je nach Lebensplanung - ein großer Nachteil sein kann. Falken hält dem Anleger vor Augen, wie wichtig es ist, flexibel und flüssig zu bleiben. Möglicherweise gründet der junge Mann in den nächsten zehn Jahren eine Familie, kauft ein Haus oder macht sich selbstständig. Steckt der Kunde dann jeden Monat 200 Euro in eine kapitalbildende Lebens- oder Rentenversicherung, ist die Police nach zehn Jahren vielleicht 20000 bis 25000 Euro wert - je nachdem wie viel der Anbieter für Abschluss- und sonstige Kosten abgezogen hat.

Die Lebenssituation ändert sich oft

Nach Erfahrung von Falken lassen viele Kunden ihre Verträge zeitweise ruhen und nehmen für den Hauskauf oder den Start in die Selbständigkeit Geld auf. Dafür zahlen sie oft doppelt so hohe Zinsen, wie sie von den Versicherern für ihre Policen bekommen. "Das ist finanzwirtschaftlicher Wahnsinn", sagt Falken. Seinen Kunden sagt er: "Nur wenn Sie wissen, dass Sie erst mit 60 an ihr Geld wollen, passt eine Lebensversicherung." Nach diesem Hinweis würden sich die meisten gegen eine Police entscheiden. Der Versicherungsberater betont: "Je jünger die Leute sind, desto flexibler müssen sie ihr Kapital einsetzen können." Seien die Kinder aus dem Haus und die Immobilie abbezahlt, stelle sich die Frage nach der Altersvorsorge neu. "Wer dann eine sichere Rendite und Steuervorteile will und sich mit der Geldanlage nicht befassen mag, für den kann eine Lebensversicherung eine Alternative sein", sagt Falken.

Wichtig zu wissen: Versicherungsberater bilden nur eine kleine Zunft, in Deutschlang gibt es rund 170. Sie berechnen für ihre Beratung ein Honorar, vermitteln aber keine Versicherungen und bekommen also keine Provision für den Abschluss eines Vertrages - wie etwa die rund 250000 Vertreter und Vermittler.

Michael Franke sieht Lebensversicherungen etwas positiver als der Versicherungsberater. Franke befasst sich als Geschäftsführer des Hannoveraner Ratinghauses Franke & Bornberg ebenfalls seit vielen Jahren mit dem Kleingedruckten von Lebensversicherungen. Zwar sei die Argumentation des Versicherungsberaters Falken nicht falsch. "Aber ein solches Vorgehen erfordert die ständige Begleitung durch Berater. Der frühzeitige Abschluss einer klassischen Altersversorgung über Rentenversicherungen ist dann unproblematisch, wenn die Verträge auf veränderte Lebenssituationen reagieren können." Nach Einschätzung von Franke gestaltet die Branche ihre Produkte zunehmend flexibler, so dass Kunden leichter Geld entnehmen und später wieder einzahlen können.

Diesen Trend kann Versicherungsberater Falken so allerdings nicht erkennen."Das ist ein klassisches Verkaufsargument. Denn der Vertrag wird ja auf jeden Fall erst einmal mit der vollen Provision belastet. Der Kunde fängt also mit einem Minuskapital von zwei-, drei-, viertausend Euro an."

Das leidige Thema Provision

So taucht wieder das Thema Provision auf, das sich auch die Bundesregierung auf die Fahnen geschrieben hat und das die Verbraucherschützer für milliardenteure Fehlberatung verantwortlich machen. Denn Fakt ist, dass jeder zweite seine Police vorzeitig kündigt, was meist ein Verlustgeschäft ist. Versicherungsspezialist Franke sagt: "Das Problem ist nicht die Provision als solche. Es sollte aber keine Exzesse in der Höhe geben und statt einer Abschaffung sollte eher eine Verteilung über die Laufzeit diskutiert werden. Dann profitiert der Vermittler von einer langen Kundenbeziehung - und viele Probleme wären gelöst."

Fazit: Altersvorsorge ist nötig, aber sie sollte gut durchdacht sein. Lebensversicherungen sind bequem, aber komplizierte und langfristige Produkte. Und ob die Anbieter ihre Renditeversprechen in 30 Jahren halten werden? Das ist wieder so eine Frage.

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  • Kapitallebesnversicherung ist STAATLiCHE GEFÖRDERTER bETRUG ! Und das schon seit 40 Jahren !

  • @DAumfeld: der Hinweis auf den Hinterbliebenenschutz geht am Thema vorbei - dafür braucht es keine Kapital-LV, sondern allenfalls eine Risiko-LV.
    Ansonsten gilt: Kapital-LVs waren trotz ihrer Populariät (ähnlich dem Sparbuch) zwar hauptsächlich für die Versicherungswirtschaft lukrativ. Dennoch sind Altverträge mit garantierter
    Mindestverzinsung von bis zu 4% im Vergleich zu den aktuell angebotenen sicheren(!) Alternativen wahre Rendite-Juwelen. Der Wertzuwachs meiner Kapital-LV inkl. Überschussbeteiligung betrug dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr rund 6,35% (mit KLV-Check berechnet). Da will ich nicht meckern, auch wenn die Gesamtrendite wg. der Anfangsverluste durch Provisionen etc. wahrscheinlich eher bei knapp über 4% liegen wird 8-)

  • Eine wichtiger Aspekt bei einer Kapital-LV ist der Hinterbliebenenschutz. Rechnet doch mal die Rendite, wenn der Versicherte nach einem Jahr stirbt.
    Also - Lobbyisten der Versicherungserrater: Steinigt mich!!

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