William Goetzmann
„Die politischen Risiken bleiben bestehen“

William Goetzmann ist Direktor des International Center for Finance in Yale. Im Interview spricht er über die Geschichte der Geldanlage und welche Lehren man aus ihr ziehen kann.

Handelsblatt: Herr Goetzmann, warum beschäftigen Sie sich mit der Geschichte der Geldanlage?

William Goetzmann: Die Geschichte hilft, den großen Einfluss der Finanzen auf die Gesellschaft zu verstehen. Die Finanzen bestimmen einen Großteil des gesamten Geschehens auf der Welt. Immerhin zeigt die Geschichte, dass die Kapitalmärkte nicht nur zur sozialen Stabilität beitragen können, sondern auch wichtig für Innovationen sind. Wer sich daher mit Finanzthemen beschäftigt, sollte sich dessen immer bewusst sein.

Was ist denn die wichtigste Phase in der Historie?

Ein genaues Datum zu benennen ist schwierig, da die Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist. Ein wichtiger Moment war aber sicher die Gründung der Börse in Amsterdam vor über 400 Jahren. Durch diesen öffentlichen Marktplatz konnten sich Unternehmen leicht Kapital beschaffen; gleichzeitig konnten die Bürger in aussichtsreiche Projekte investieren und ihr Geld wieder herausziehen, sobald sie es brauchten. Zum ersten Mal konnten sich die Investoren so eigene Portfolios zusammenstellen und immer wieder verändern. Natürlich gab es aber auch für diese Börse Vorläufer. So wurden beispielsweise schon im 13. Jahrhundert Anleihen öffentlich in Venedig gehandelt.

Was können denn Anleger aus der Geschichte lernen?

Die kritische Lektion von vor einem Jahrhundert ist, dass der Erfolg globaler Kapitalmärkte so viel Druck ausüben kann, dass sie sich wieder zerstören. Ein typisches Beispiel ist die Russische Revolution von 1917. Die Expansion der russischen Wirtschaft wurde vor allem von ausländischen Investments getragen. Gerade die Geldströme aus England, Frankreich und Deutschland haben dazu beigetragen, dass das Eisenbahnnetz erweitert, die Stromversorgung ausgebaut, die Minen modernisiert und die Ölindustrie überhaupt erst entwickelt wurde. Gleichzeitig wurden aber die Voraussetzungen für Enteignungen geschaffen, die später zu einer breiten Bewegung gegen den Kapitalismus und gegen ausländische Investitionen führte.

Gibt es auch Lehren über die Märkte an sich?

Ja, die Geschichte zeigt zudem, dass die Märkte sich ständig verändern. London, Berlin, Brüssel und Paris waren die dominierenden Städte im 19. Jahrhundert. Amerika hat Europa, gemessen an der Marktkapitalisierung, als wichtigstes Finanzzentrum jedoch in der Mitte des 20. Jahrhunderts abgelöst. Dieser Trend kann sich aber wieder umkehren, vor allem wenn Europa noch enger aneinander rückt. Auch den Boom in den aufstrebenden Ländern Indien und China hat es in einer ähnlichen Form bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben. Und auch heute können diese Länder schnell wieder an Bedeutung verlieren, falls es zu politischen oder wirtschaftlichen Problemen kommt.

Ausgehend von dem historischen Hintergrund – was sind denn die größten Risiken für die Märkte und Anleger?

Wenn Investoren ihre Portfolios immer weiter globalisieren, stehen sie politischen Risiken gegenüber, die wir schon aus dem 20. Jahrhundert kennen. Breite politische Bewegungen gegen den Kapitalismus sehen wir momentan beispielsweise in Ländern wie Venezuela – teilweise auch als Reaktion auf die aus den Ländern abfließenden Gewinne. Ich rechne damit, dass solche Bewegungen mit dem Fortschreiten der Globalisierung weiteren Schub erhalten.

Blicken wir einmal aus der Vergangenheit nach vorne. Wie stellen Sie sich die Märkte in 50 oder 100 Jahren vor?

Die Zukunft lässt sich natürlich nicht genau vorhersagen. Angesichts der Entwicklung in der Vergangenheit würde ich aber sagen, dass die Märkte in den kommenden 50 Jahren zwei Schritte nach vorne und einen zurück machen werden. Die Schritte nach vorne könnten sein, dass auch immer mehr Menschen mit niedrigerem Wohlstand Zugang zu den Märkten erhalten. Dieser Trend hat beispielsweise in der Dritten Welt noch gar nicht angefangen und ist auch in den Industrieländern noch mitten in der Entwicklung. Dadurch sollte eine Demokratisierung der Märkte einsetzen. Der Schritt zurück könnte ein Krieg oder ein anderer abrupter politischer Wandel sein, der den freien Kapitalverkehr über die Grenzen hinaus behindert. Denn noch sind die Unruhen des 20. Jahrhunderts nicht überstanden. Obwohl die totalitären Regime allmählich verschwinden, können sie jederzeit wiederbelebt werden – auch durch religiöse Bewegungen, wie wir sie momentan im Iran sehen.

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