Analysten setzen derzeit auf europäische Aktien
Profis verzichten auf Bonds

Bei stagnierenden Börsenkursen haben Anleger in den vergangenen Jahren häufig auf Unternehmensanleihen gesetzt, um ihr Portfolio aufzupeppen.Doch in diesem Herbst müssen sie sich umorientieren. Denn die Stimmung spricht mindestens bis zum kommenden Jahr gegen private Bonds.

Seit April dieses Jahres hat der Deutsche Aktienindex die Marke von 4100 Punkten zwar nicht mehr durchbrochen und seit Jahresanfang sogar an Wert verloren.Nervöse Anleger sollten trotzdem abwarten und Alternativen wie Unternehmensanleihen sehr kritisch auswählen."Die euphorische Stimmung vergangener Jahre ist verschwunden", sagt George Cooper, Analyst der Deutschen Bank.Die Niedrigzinspolitik der Industrieländer ließ auch die Rendite von Unternehmensanleihen sinken."In der Folge wurden die Zinsabstände zwischen Staatsanleihen und Unternehmensbonds enger", sagt Cooper.

Diese Abstände - die so genannten Spreads - sieht Bernd Habben, Analyst bei der Bremer Landesbank, mittlerweile auf einem kaum mehr zu akzeptierenden Niveau: "Die Risikoaufschläge für die Unternehmensanleihen sind sehr gering und spiegeln das Verlustpotential nicht angemessen wider."Nur die hohe Liquidität im Bondsmarkt sichert den Unternehmen die günstige Finanzierung."Versicherer, Banken und private Anleger haben ihr Kapital in Anleihen investiert, um in schwachen Börsenzeiten zumindest noch etwas Rendite zu erzielen", erklärt Habben.Jetzt müssen die Investoren mit geringen Renditeaufschlägen von weniger als einem Prozent auf Unternehmensanleihen leben.

Das zeigt das Beispiel Deutsche Telekom: Für eine Anleihe des Unternehmens mit einer Restlaufzeit von acht Jahren gab es 2002 noch eine Risikoprämie von 3,2 Prozent im Vergleich zu einem sicheren Euro-Pfandbrief mit gleicher Restlaufzeit.Mittlerweile ist diese Prämie auf 0,45 Prozent geschrumpft."Anleger sollten deshalb derzeit sehr genau überlegen, ob sie jetzt am Bondsmarkt aktiv werden", sagt Habben. Auch Eberhard Unger, Chef-Volkswirt der Beratungsgesellschaft Fairesearch, ist pessimistisch: "Ich warne vor allem vor Unternehmensanleihen mit langen Laufzeiten."Bei mittel- und kurzfristigen Anlagen sei wiederum schon jetzt die Rendite zu gering.

Für das kommende Jahr rechnet Unger aber mit einer Erhöhung der Leitzinsen und rät deshalb zur Geduld: "Nach einer Zinserhöhung gehen die Spreads im Allgemeinen wieder auseinander, dann könnten auch private Anleger aktiv werden." Cooper beobachtet am Markt "nicht mehr das gleiche Spiel wie noch vor zwei, drei Jahren" und ist nur verhalten optimistisch.Chancen sieht Cooper am ehesten im europäischen Unternehmenssektor."Das Wachstum nimmt dort langsam zu", erklärt der Analyst.Höhere Renditen erwartet er in den kommenden Monaten aber nicht.

Experten setzen auf Erholung der Aktienkurse

Volkswirte und Analysten distanzieren sich derzeit von einer Umschichtung von Aktien hin zu Unternehmensanleihen.Stattdessen setzen sie für die kommenden Monate auf eine weitere Erholung der Aktienkurse."Bis zur Wahl des US-Präsidenten im November tritt die Börse auf der Stelle.Danach sollten einige Branchen deutlich anziehen", sagt Unger.Er favorisiert zum Beispiel Unternehmen aus dem Maschinenbau."Konzerne wie MAN oder Linde haben zuletzt erstklassige Auftragseingänge verzeichnet", so Unger.Anleger könnten außerdem auf einen schwachen Dollar spekulieren und Titel wie die Deutsche Telekom kaufen."Das Unternehmen hat viele Schulden in Dollar, die bei einem Anstieg des Euro im Wert gemindert werden", sagt Unger.

Den Aktienmarkt hält auch Habben derzeit für deutlich attraktiver als das Geschäft mit Anleihen."Europäische Titel sollten übergewichtet werden", empfiehlt der Analyst.Im Abschwung hätten diese Aktien mehr verloren als amerikanische Titel.Außerdem belasteten Pensionsverpflichtungen die Kurse von US-Titeln.Auch der Zins spielt bei der Auswahl der Aktien nach Auffassung von Habben eine große Rolle: "Europäische Unternehmen wirtschaften auf einem normalen Zinsniveau und konzentrieren sich deshalb auf ihr Kerngeschäft", erklärt der Experte.

In den Vereinigten Staaten sieht die Situation anders aus.Das niedrige Zinsniveau mit einem Tagesgeldsatz von derzeit 1,5 Prozent führt zum Beispiel dazu, dass Automobilkonzerne wie General Motors mit der Autofinanzierung mehr Geld verdienen als mit dem Autoverkauf."Steigen die Zinsen dort weiter an, werden die Unternehmensergebnisse deutlich schlechter ausfallen", sagt Habben.

Auch die Profis setzen auf einen Kursaufschwung in Europa.Nach einer Umfrage von Merrill Lynch unter 300 Fondsmanagern ziehen die Investoren Kapital aus den USA ab, um in Europa zu investieren.Wegen der schwachen Konjunkturaussichten wurden europäische Unternehmen drastisch abgestraft und gelten jetzt als Kaufgelegenheit.

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