Anleihebesitzer
Angst vor Staatspleiten grassiert

Private Gläubiger sollen künftig an der Rettung hochverschuldeter Euro-Länder beteiligt werden. Das versetzt Bondbesitzer in Panik. Die Kurse irischer und portugiesischer Bonds befinden sich im freien Fall, die Renditen für zehnjährige Anleihen aus Dublin und Portugal erreichen seit Bestehen der Euro-Zone täglich neue Rekordhochs.
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FRANKFURT/LONDON/BERLIN. Die Lage an den Anleihemärkten spitzt sich zu: "Die Panik ist gerade mit Blick auf Irland noch größer als im Frühjahr", sagt Johannes Rudolph, Anleiheexperte bei HSBC Trinkaus: "Kursverluste von bis zu zwei Prozent pro Tag können Anleiheinvestoren, die auf Stabilität setzen, kaum verkraften. Es gibt nur noch wenige Käufer, und so treiben auch kleine Volumina den Markt."

Kornelius Purps, Zinsstratege bei der Unicredit, spricht von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: "Investoren, die fürchten, dass Irland und Portugal ihre Haushalte nicht sanieren können, treiben die Zinskosten an den Märkten immer weiter nach oben und belasten damit die Haushalte weiter." Dabei wurde der Druck auf die irischen Bonds gestern noch dadurch verstärkt, dass das weltweit zweitgrößte Clearinghaus LCH Clearnet in Zukunft 15 Prozent höhere Sicherheiten für die Abwicklung von Geschäften mit irischen Anleihen fordern will.

Auch von Euro-Sorgenkind Griechenland gab es gestern keine guten Nachrichten: Regierungskreisen zufolge wird das Haushaltsdefizit in diesem Jahr noch höher ausfallen als zuletzt befürchtet. Die Neuverschuldung werde sich 2010 auf 9,2 bis 9,3 Prozent der Wirtschaftsleistung belaufen, sagte ein Regierungsvertreter. In einem Anfang Oktober vorgelegten Haushaltsentwurf war das Defizit noch auf 7,8 Prozent geschätzt worden.

Für Irland wäre es inzwischen günstiger, sich zu einem Zinssatz von 7,5 Prozent für zehn Jahre Kredite über den im Mai aufgelegten Rettungsfonds der anderen Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu besorgen als über den Markt. Nach allen bisherigen Verlautbarungen aus Dublin braucht die Regierung aber in diesem Jahr kein frisches Geld mehr. "Wenn Irland noch in diesem Jahr unter den Rettungsschirm schlüpfen würde, dürfte dies die Märkte noch weiter verunsichern, weil es so unerwartet käme", fürchtet Purps: "Investoren würden dann sofort die nächsten Länder ins Visier nehmen, die Hilfe brauchen könnten - und das würde nicht nur die Renditen portugiesischer, sondern womöglich auch spanischer Anleihen mit nach oben ziehen."

Als Hauptauslöser dafür, dass sich die Panik an den Märkten gerade in den vergangenen beiden Wochen verschärft hat, gilt, dass künftig private Gläubiger an den Kosten eines Zahlungsausfalls von Euro-Staaten beteiligt werden. Dass es so kommen wird, haben die EU-Staats- und-Regierungschefs bereits beschlossen. Bis zu ihrem nächsten Gipfel im Dezember sollen Vorschläge vorliegen, wie dies in der Zeit nach Mitte 2013 geschehen kann. Dann soll der europäische Rettungsfonds auslaufen. Die Unsicherheit darüber, was danach geschieht, und die Angst, schon vorher bei Krisenstaaten zur Kasse gebeten zu werden, macht Anleger extrem nervös.

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  • Zur Zeit arbeitet man an der Entscheidung:
    "Ende mit Schrecken" oder "Schrecken ohne Ende".
    Kohl's Mädchen wünscht Kontinuität.

  • Ein Austritt Deutschland aus der Eurozone ist die beste Lösung. Zur Zeit verhält sich Deutschland sehr anti-europäisch. Es ist doch klar dass man nicht die Milch und den Erlös aus dem Milchverkauf haben kann. Das scheint man in Deutschland nicht verstehen zu können. Durch den Austritt Deutschland aus der Eurozone wären die andere EU-Länder durch einen niedriger bewerteten Euro, was den Export betrifft, wieder wettbewerbsfähig. Solange Deutschland als Exportweltmeister zur Eurozone gehört wird der Euro überbewertet bleiben. Der realistische Wechselkurs des Euro liegt bei 1,20 zum US-Dollar. Deutschland profitiert am meisten von der Eurozone durch den Export in die andere Euro-Länder. Solange aber Deutschland zur Eurozone gehört werden die USA eine niedrigere bewertung des Euro nicht zulassen.

  • Lieber Schweizer,

    Sie haben vollkommen Recht. in Deutschland gibt es einen Großteil der bevölkerung, der über die Politik unseres Landes schimpft. Gleichzeitig werden aber immer wieder die selben Parteien gewählt. Der riesige Anteil der Nichtwähler hat nicht verstanden, dass er dem System dadurch nicht schadet, sondern nutzt. Die qualitätsfreien und gleichgeschalteten Medien klären die bevölkerung auch nicht richtig auf. Wenn die Leute doch bloß wüssten, dass ihre nicht abgegebenen Stimmen den Parteien prozentual zugeschlagen werden und dafür sogar noch Wahlkampfkostenbeihilfe bezahlt wird, dann würden sie wenigstens ungültig wählen gehen oder sich mal mit den Programmen der kleinen Parteien auseinander setzen. Eigentlich sind wir in Deutschland schon im Sozialismus angekommen! .....Und dann wundern sich alle, dass hier viele gut ausgebildete Menschen auswandern! Mein Gott, wer hätte vor 20 Jahren gedacht, wo das alles hinführt. Von unseren Politikern werden wir verkauft und verraten. Eine richtige Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative haben wir nicht mehr. Die Politoligarchie steht über allem und der Staat ist aufgebläht bis zum "geht nicht mehr." Gleichzeitig haben viele Menschen schon Angst, ihre Meinung zu sagen. Die political correctness könnte ja zurück schlagen! Ein Volk von Duckmäusern, welches allerdings, wenn der bogen überspannt wird, auch böse zurückschlagen kann.
    in der Schweiz ist auch nicht alles bestens, doch um vieles im politischen System kann man die Schweizer nur beneiden.

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