Anleihemarkt
Europas Krisenstaaten stürzen immer tiefer

Die Spaltung am europäischen Bondmarkt wird immer deutlicher. Während Frankreich, Italien und Spanien Rekordzinsen zahlen müssen, stürzen sich Anleger auf deutsche Bonds. Das sorgt zunehmend für Unfrieden.
  • 21

DüsseldorfAm Anleihemarkt regiert weiter die Nervosität. Die fehlende Klarheit über die Rettungsstrategie der Euro-Zone für überschuldete Staaten drückt weiter auf die Kurse der südeuropäischen Länder. Auch massive Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank können den Trend nicht stoppen.

Nachdem in den vergangenen Wochen vor allem Italien im Fokus der Anleger stand, gerät nun Spanien wieder stärker unter Druck. Binnen weniger Tage sind die Renditen zehnjähriger spanischer Staatsanleihen von 5,5 auf fast 6,8 Prozent gestiegen und liegen damit nur noch knapp unter der von Experten als kritisch erachteten Marke von sieben Prozent.

Am Donnerstag sorgte eine negative Wachstumsprognose der spanischen Finanzministerin für einen neuen Abwärtsschub. Statt 1,3 Prozent erwartet Elena Salgado in diesem Jahr nur noch 0,8 Prozent Wachstum. Zudem belastete das Ergebnis einer Anleiheauktion. Spanien brachte zehnjährige Anleihen im Volumen von 3,56 Milliarden Euro am Markt unter. Dafür musste das Land eine Emissionsrendite von 6,975 Prozent zahlen. Zudem verkaufte es weniger als geplant. Ursprünglich hatte Spanien vier Milliarden Euro aufnehmen wollen.

Das geringe Vertrauen der Anleger in die spanische Wirtschaftskraft und die Fähigkeit zum Schuldenabbau hatte sich bereits am Montag gezeigt, als das Land bei einer Anleiheauktion mehr als fünf Prozent für Papiere mit zwölf und 18 Monaten Laufzeit zahlen musste.

Neben Spanien testete auch Frankreich am Morgen, wie die jüngsten Turbulenzen seine Refinanzierung beeinträchtigen. Insgesamt wollte sich das Land über Anleihen verschiedener Laufzeiten 8,2 Milliarden Euro von Investoren beschaffen. Für fünfjährige Papiere lag die Rendite bei 1,85 Prozent, vor einem Monat hatte Frankreich lediglich 1,31 Prozent zahlen müssen.

Französische Staatsanleihen stehen seit vergangener Woche unter starkem Druck, nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's versehentlich eine Mitteilung rausgeschickt hatte, die eine Herabstufung Frankreichs andeutete. Mit 3,77 Prozent werfen zehnjährige französische Staatsanleihen am Donnerstag erstmals seit Einführung des Euros zwei Prozent mehr Rendite ab als gleich laufende deutsche Bundesanleihen.

Der erhöhte Risikoaufschlag wird als Zeichen des Misstrauens von Investoren auch wegen der französischen Staatsverschuldung gewertet. Frankreich bangt seit Monaten um seine Bestnote AAA für die Kreditwürdigkeit von Staaten. Die konservative Regierung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat bereits mehrere Sparpläne aufgelegt, um die Staatsverschuldung zu drücken.

Nach Meinung von Mohit Kumar, Leiter der europäischen Anleihestrategie bei der Deutschen Bank, könnten die heutigen Emissionen Signalcharakter haben: "Die Märkte achten sehr genau darauf, ob sich die Seuche wirklich in die Kernmärkte ausgeweitet hat", sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Euro-Zone stecke in einer generellen Vertrauenskrise und je näher das Jahresende rücke, desto geringer sei die Risikobereitschaft der Anleger.

Seite 1:

Europas Krisenstaaten stürzen immer tiefer

Seite 2:

„Deutschlands Schulden sind besorgniserregend“

Kommentare zu " Anleihemarkt: Europas Krisenstaaten stürzen immer tiefer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Nette Kommentare hier! Vieles zutreffend, manches aber auch VWL-theoretischer "Nebel". Dabei ist doch alles ganz einfach: Was schon allein in D bereits ein ziemlich großes Problem darstellt (nämlich regionale Lebensqualitäts- und Mentalitätsunterschiede; ungeliebter Länderfinanzausgleich!!!), hier aber durch die Bundespolitik zumindest bislang mehr oder minder erfolgreich ausgeglichen werden konnte, ist im Euro-Raum gigantisch, weil der ganze politische Konstrukt von Beginn an ein absoluter Irrwitz war. Das haben seither ganze Legionen von Finanz- und Wirtschaftswissenschaftlern und sachkundigen Politikern (auch sowas gibt es bisweilen noch) mit hervorragenden Begründungen (!) in allen Details aufgezeigt und erläutert. Es könnte (?!) demnach dann und nur dann funktionieren, wenn sich der Euro-Raum konsequent in eine "Politische Union" verwandelt. Davor stehen aber - abgesehen von einem bei Politikern undenkbaren freiwilligen Machtverzicht - unumgängliche Grundgesetzänderungen (nicht nur in Deutschland) und auch Volksabstimmungen. Herauskommen müßte eine mit allen erforderlichen Durchgriffsmöglichkeiten versehene "Europäische Verfassung". Wie das mit der zur Euro-Rettung gebotenen Schnelligkeit bewerkstelligt werden soll, ist angesichts der europäischen Kakophonie absolut "unvorstellbar". Also ist das Euro-Desaster und damit der Zerfall der Euro-Raumes nur noch eine Zeitfrage.

  • @Neptun

    Ich denke, deine Kritik ist mehr als nur berechtigt. Und ich glaube, dass wir dennoch im Grunde gleicher Meinung sind!

    Es ist vollkommen richtig, dass unsere Politik in letzter Zeit defacto nur noch Feuerwehr spielen kann und vorübergehend auch muss. Und, dass Politik bloße Interessenvertretung ist, und somit nicht die Gesamtwohlfahrt optimiert (um im VWL Jargon zu bleiben ;) ). Und es ist auch vollkommen richtig, dass sich das alles nicht so ohne weiteres Ändern wird! Und, dass sich alle Versprechungen von heute morgen auch wieder ändern lassen...

    Dennoch, oder besser: Gerade deswegen ist es umso wichtiger, grundsätzliche Mechanismen nicht zu vergessen. Sonst kommen wir aus dem Feuerwehr-Spielchen nicht raus und unser Schuldenproblem wird zu einem echten Realwirtschaftsproblem, mit anschließenden sozialen Problemen usw..

    Die Realität ist doch so: Viele Staaten haben so viele Schulden gemacht, dass kaum einer noch glaubt, dass sie diese zurückzahlen werden. Daher will niemand diesen Staaten Geld geben. Völlig vernünftig. Nix mit Spekulation oder sonst was, sondern reine Vernunft. Ich würd denen auch nicht mein Geld anvertrauen... nun bestehen zwei Möglichkeiten:

    1.) Wir geben Gläubigern ihr Geld nicht zurück (z.B. durch Umschuldung oder Inflation)

    2.) Wir geben den Gläubigern ihr Geld zurück (müssen das glaubwürdig (!!) kommunizieren und auch umsetzen, irgendwie)

    Im ersten Fall verlieren die Investoren (also alle Bürger, die was zu verlieren haben) zu Recht ihr Vertrauen in den Staat und viel Geldwert.

    Im zweiten Fall müssen wir alle den Gürtel enger schnallen. Defacto ist das damit eine Frage der Verteilung: Wer soll das Geld, was unser Staat nicht hatte, aber ausgegeben hat, nun zahlen?!

    Diese Wahrheit bleibt trotz aller politischer Prozesse genau so wie sie ist. Und das ist gerade dann umso wichtiger, wenn die politischen Turbulenzen am größten sind. An dieser Wahrheit ändern sie nichts.

  • Freilich ändert sich das komplette Finanzsystem, vermutl. sogar die ganze Gesell., und auch das Bodenrecht, das hängt damit zusammen. Es gäbe dann ein bedingungsloses Einkommen. Ich weiss, klingt komisch. Ich kann dass auch hier nicht so schön erklären, Andreas Popp von "wissensmanufaktur dot net" kann das besser und leitet das auch ab. Das Ganze ist ja auch nur ein Modell, aber so wie es heute ist, kann es ja nicht bleiben. Von den ganzen Kriegen und Verwerfungen daraus will ich mal gar nicht reden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%