Anleihen
Die Flucht in die Sicherheit hält nicht an

Der „Trump-Schock“ hat Investoren nur kurz in die als ausfallsicher geltenden Anleihen aus dem Euro-Raum und den USA getrieben. Doch die Renditen ziehen schon wieder an. Sorgen um den künftigen US-Haushalt und die Zinspolitik belasten.

FrankfurtZumindest kurz funktionierte der Reflex bei den Investoren: Bei Unsicherheiten heißt es: Rein in Anleihen der Industrienationen – bei denen zumindest die Rückzahlung als sicher gilt. Genau das zeichnet sich jetzt ab. Der „Trump-Schock“, wie die Commerzbank den überraschenden Sieg von Donald Trump bei den US-Wahlen nennt, hat Investoren so zunächst auch in Anleihen getrieben. Die Kurse stiegen, und die Renditen fielen kräftig Die Rendite der für die Euro-Zone richtungweisenden zehnjährigen Bundesanleihe war im frühen Handel um neun Basispunkte oder 0,9 Prozentpunkte zunächst auf nur noch 0,9 Prozent abgesackt. Neun Basispunkte klingt nicht nach viel – ist für Bund-Renditen aber eine Menge in so kurzer Zeit.

Ähnlich war es in den USA. Dort war die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe in der Wahlnacht um für Anleihen stattliche 0,14 Prozentpunkte auf bis zu 1,74 Prozent gefallen. Doch wenige Stunden nachdem der Wahlsieg von Donald Trump definitiv feststeht, hat sich das Bild schon wieder geändert. Zehnjährige US-Anleihen rentieren mit 1,96 Prozent und ihre deutschen Pendants mit 0,18 Prozent. So deutlich schwanken Anleihekurse und Renditen selten. Gleichzeitig hat an den Aktienmärkten der deutsche Leitindex Dax seine Verluste mehr als aufgeholt und auch die US-Börsen notieren leicht im Plus.

Die erste Flucht in die Anleihen erklären Fondsmanager wie Jim Leaviss von M&G Investments damit, dass die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinsanhebung der US-Notenbank Fed im Dezember unwahrscheinlicher geworden ist.  Doch mittelfristig dürfte angesichts der versprochenen Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen die Staatsverschuldung unter Trump steigen. Dabei dürften die steigenden Haushaltsausgaben auch zu steigender Inflation führen, meint Wolfgang Kuhn von Aberdeen Asset Management. Das erhöht auch mittelfristig die Ängste vor stärkeren Leitzinserhöhungen in den USA.  Trump hatte die Fed-Präsidenten Janet Yellen im Wahlkampf mehrfach  scharf angegriffen.  Deshalb geht Monica Defend von Pioneer Investments davon aus, dass Trump eine Änderung an der Spitze der Fed anstrebt, sobald Yellens Mandat im Januar 2018 endet.  Dabei erwarten Investoren, dass ein möglicher Nachfolger Yellens wohl einen strafferen Kurs in der Geldpolitik verfolgen wird.

„Trump hat die Fed deutlich kritisiert und der politischen Einflussnahme bezichtigt, weil sie die Zinsen niedrig hält“, betont auch Paresh Upadhyaya, Währungsstratege bei Pioneer Investments. Die erste Chance zur Absetzung Fed-Chefin Janet Yellens hätte Trump zwar erst im Januar 2018, nach Ende ihrer vierjährigen Amtszeit. Vorher könnte er jedoch ihre Autorität durch die Besetzung zweier Gouverneursposten, von denen er einen als Nachfolger Yellens designieren kann, untergraben. Dabei würde Trump laut Upadhyaya, wohl Kandidaten benennen würde, die sich für steigende Zinsen stark machen.

„Mittelfristig würde eine vollständige Umsetzung von Trumps Vorhaben zu einem kräftigen Anstieg des Haushaltsdefizits führen, da er mindestens doppelt so hohe Infrastrukturausgaben wie Clinton plant und zugleich die Steuern senken will“, warnt auch Valentijn van Nieuwenhuijzen, Chefstratege beim Fondshaus NN Investment Partners. Die Trump-Politik würde die Inflation anziehen lassen und deshalb könnte es auch laut van Nieuwenhuijzen mittelfristig zu steigenden Anleiherenditen kommen. Auch in Europa sehen Investoren die Zeichen eher in Richtung steigender Bond-Renditen: Nach Ansicht der Commerzbank dürfte sich der Fokus nach den US-Wahlen nun gerade auf das „Populismus-Risiko“ richten. Dieses dürfte sich mit Blick auf das Referendum in Italien, die Präsidentschaftswahl in Österreich in diesem sowie den Wahlen in Frankreich und den Niederlanden im kommenden Frühjahr verstärkt haben. Die Commerzbank rät Investoren wegen drohender Kursverluste dazu, italienische Staatsanleihen zu verkaufen.

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass es nicht zwischenzeitlich nochmal zu einer Flucht in Anleihen kommt:  „Die Verunsicherung an den Märkten dürfte anhalten“, meint dazu Lars Kreckel von Legal & General Investment Management: „Erst Trumps Handlungen in den kommenden Tagen und Wochen könnten Klarheit schaffen.“ Angekündigt hatte Trump unter anderem die Einführung von hohen Zöllen für Waren aus Mexiko und China, er stellt das Freihandelsabkommens Nafta infrage und will eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko bauen. Dabei sieht Stefan Kreuzkamp von der Deutsche Asset Management aber immerhin noch die Möglichkeit, dass Trump die „Politveteranen im Kongress ein weitgehend klassich republikanisch geprägtes Wahlprogramm durchziehen lässt. Hoffnung macht ihm dabei eine Aussage Trumps aus dem Mai: Damals sagte der Präsidentschaftskandidat: „Ich bin total flexibel,bei vielen, vielen Themen, und glaube, das muss man auch sein.“

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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