Anleihezinsen
Böse Überraschung

Die Investoren fürchten steigende Zinsen – und verkaufen Anleihen in großem Stil. Die Kurse fallen, die Renditen steigen. Besonders empfindlich trifft das Europa. Die Krise könnte wieder aufflammen.
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DüsseldorfAn den Finanzmärkten macht sich Unruhe breit: Weltweit haben sich Investoren in den vergangenen Wochen von Anleihen getrennt. Die Kurse sind abgesackt, umgekehrt sind die Bondrenditen gestiegen. Erstmals seit langem steigen die Zinsen. Es ist der Beginn einer Zeitenwende, sagen Experten. „Das Blatt hat sich gewendet“, erklärt Howard Ward, Chief Investment Officer bei Gamco Investors. Er malt ein geradezu dramatisches Szenario: „Die verlorene Dekade für Anleihen hat begonnen.“

Besonders empfindlich treffen steigende Zinsen die hoch verschuldeten Staaten in Südeuropa. Die Renditen zehnjähriger Bonds aus Spanien oder Italien sind seit Anfang Mai um gut einen Prozentpunkt auf fast fünf Prozent gestiegen. Bei Anleiheauktionen am Dienstag mussten beide Länder deutlich höhere Zinsen bieten als bei früheren Emissionen. „Die Märkte sind in dem Modus: Hilfe, die Liquidität geht aus“, sagt Harald Preißler, Chefvolkswirt der Investmentgesellschaft Bantleon. „Das zeigte sich auch wieder an den Renditen Südeuropas.“

Sollten die Anleiherenditen in dem Tempo weiter anziehen, könnten die Schuldenstaaten schnell wieder in eine ähnlich missliche Lage geraten wie im vergangenen Sommer. Damals waren die Kreditkosten so sehr in die Höhe geschossen, dass Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, eingreifen musste. Er kündigte an, dass die EZB alles tun werde, um den Euro zu erhalten. Außerdem sei man bereit, unter Umständen so viele Anleihen wie nötig aufzukaufen, um die Staaten zu stützen.

Gestern legte Draghi nach. Das Programm zum Anleihekauf sei sogar noch wichtiger geworden, erklärte der Zentralbanker in Berlin. Ein eindeutiges Signal an die Finanzmärkte, das den kräftigen Anstieg der Renditen stoppen sollte. Kurzfristig sorgte es für Ruhe.

Dass sich Draghi genötigt sah, seinen Blankoscheck zu erneuern, hat er gewissermaßen seinem Kollegen Ben Bernanke zu verdanken. Bernanke, Chef der US-Notenbank, hatte Ende Mai angedeutet, dass die Federal Reserve ihr Anleihekaufprogramm – monatlich 85 Milliarden Dollar – noch in diesem Jahr zurückfahren könnte. Zumindest war es das, was die Investoren in seine Worte hinein interpretierten. Sofort setzen Spekulationen ein, dass auch Zinserhöhungen nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen seien, sollte sich die US-Wirtschaft weiter erholen.

Kommentare zu " Anleihezinsen: Böse Überraschung"

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  • die Anleihen Blase wird platzen...

    Nur wann?

  • @ Urias001

    "Jetzt noch mal richtig Schulden machen ... und die Inflation erledigt den Rest."

    Da wär ich mir nicht so sicher. Lesen Sie mal § 313 BGB.
    Da sagt die Bank: "Störung der Geschäftsgrundlage" und fordert Rückabwicklung. Diese Rechtsnorm ist übrigens aus den Erfahrungen der 1920er Jahre in das Bürgerliche Recht aufgenommen worden.
    Bedenken Sie auch, dass in der Währungsreform 1948 Guthaben 100 zu 6,5 umgestellt wurden, aber Schulden 100 zu 11.
    D.h. wer da mit Schulden reingegangen ist, hatte nachher relativ fast doppelt so hohe Schulden.

  • dramatisches Szenario: „Die verlorene Dekade für Anleihen hat begonnen.“

    Für wen? Die Spekulanten in den Bank und Hedge Fonds? Wenn die Staaten ihre Haushalte in Ordnung haben, kann ihnen die Kursentwicklung egal sein. Vielleicht sollten die Anleger mal nicht auf Spekulationsgewinne aus sein, sondern ganz bescheiden an den die (Un-)Sicherheit wiederspiegelnden Zinsen.

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