Billiges Geld
Ökonomen rechnen weiter mit niedrigen US-Zinsen

Erstmals seit Jahrzehnten liegen die Zinsen an den Anleihemärkten bei null. Wissenschaftler fragen sich nun: Was passiert mit all dem Geld, das geschaffen wurde? 70 Jahre zuvor endete eine ähnliche Situation katastrophal.
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NEW YORK. Erstmals seit sieben Jahrzehnten liegt die Verzinsung der US-Schatzwechsel bei null, während am Aktienmarkt die Kurse weiter klettern. Man muss weit zurückgehen, um diese Konstellation noch einmal zu finden: Es war im Jahr 1938. Damals entschied sich die US-Notenbank dafür, die Leitzinsen vorzeitig zu erhöhen, um die befürchtete Inflation zu bändigen. Tatsächlich entwickelte sich keine starke Geldentwertung, dafür sackten die Aktienkurse ab 1939 innerhalb von drei Jahren 34 Prozent ab.

Welche Lehren zieht der jetzige Notenbankchef Ben S. Bernanke aus dieser Zeit? Niemand erwartet eine Zinserhöhung vor Mitte 2010. Aber angesichts einer Arbeitslosenquote von mehr als zehn Prozent und einer neuen Abschwächung am Eigenheimmarkt sagen Anleiheinvestoren, sie hätten keine Bedenken, dem Staat ihr Geld praktisch zinslos zu geben, wenn es dafür seinen Wert behält.

Hingegen argumentieren die Anleger am Aktienmarkt, das Schlimmste sei vorbei und die niedrigen Fremdkapitalkosten sowie die fiskal- und geldpolitischen Stimuli schöben die Gewinne bald an: "Die Frage ist nur: Was passiert mit all dem Geld, das geschaffen wurde?" sagt James Hamilton, der an der University of California lehrt.

Die Sätze von Drei-Monats-Schatzwechseln lagen vergangene Woche bei 0,005 Prozent, verglichen mit dem Hoch von 0,34 Prozent im Februar. Am 19. November sind die Sätze einiger im Januar fälliger Schatzwechsel unter null gerutscht, berichten Händler.

Die Liquidität treibt die Märkte

Hingegen hat der S&P-500-Index seit dem Tief vom 6. März 64 Prozent zugelegt. Und Investoren in riskante Hochzinsanleihen haben in diesem Jahr einen Rekordertrag von 52 Prozent eingefahren, geht aus den Indizes von Merrill Lynch & Co. hervor. "Viele dieser Märkte sind von der Überschussliquidität getrieben und nicht unbedingt von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten", sagt Thomas Girard, geschäftsführender Direktor bei New York Life Investment Management.

Bernanke erklärte am 16. November, es sei nicht offensichtlich, dass die Preise für US-Vermögenswerte gemessen an den zugrunde liegenden Werten aus dem Ruder laufen. Die Vergangenheit spricht für die Aktienanleger. In den sechs Monaten vor den letzten US-Zinserhöhungen ist der S&P 500 im Schnitt 8,4 Prozent gestiegen und in der darauf folgenden Hausse noch weitere 82 Prozent, geht aus Bloomberg-Daten hervor.

Laut einer Bloomberg-Umfrage rechnen Ökonomen damit, dass die Fed die Zinsen bis zum dritten Quartal 2010 zwischen null und 0,25 Prozent belassen wird. Bis Ende September werde die Notenbank den Zinssatz auf 0,5 Prozent anheben und bis Ende 2010 auf ein Prozent, so ihre Prognose.

"Der Aktienmarkt hat sicherlich noch Aufwärtspotenzial", sagt Mark Bronzo, Fondsmanager bei Security Global Investors. "Wenn alles Geld in kurzfristige Papiere fließt, werden die Anleger irgendwann sagen: genug - und sich als Nächstes risikoreicheren Papieren zuwenden."

Quelle: Bloomberg

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