Börsenpsychologen und technische Analysten erwarten so schnell keine Trendwende
Bundesanleihe fällt auf neues Rendite-Tief

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist gestern mit 3,39 Prozent und damit einem Rekord-Tief aus dem Handel gegangen. Damit düpiert der Anleihemarkt Volkswirte, die seit über drei Jahren deutlich fallende Bondkurse und damit steigende Renditen prognostizieren, damit aber immer wieder falsch liegen. Zuletzt hatten sie im März vor einem Renditeanstieg gewarnt.

HB FRANKFURT/M. Seitdem ist das Konjunkturklima frostiger geworden. So fiel gestern das Wirtschaftswachstum in den USA im ersten Quartal mit auf das Jahr hochgerechneten 3,1 Prozent schwächer aus als erwartet. Für Deutschland haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognose drastisch auf 0,7 Prozent für dieses Jahr gesenkt. Eine schwächere Konjunktur gilt als gut für erstklassige Staatsanleihen. Denn die Tatsache, dass Zins und Rückzahlung außer Frage stehen, macht sie zu sicheren Anlagehäfen. Dennoch halten viele Volkswirte die Renditen für zu niedrig.

Börsenpsychologen und technische Analysten sind dagegen vom stetigen Zinsrückgang nicht überrascht und erwarten, dass er anhält. „Weil alle schon so lange von einer Wende hin zu steigenden Renditen reden, sind die meisten Investoren in langen Laufzeiten unterinvestiert und versuchen so, die Wende vorwegzunehmen“, sagt Gianni Hirschmüller, Gesellschafter bei Cognitrend, einem Research-Haus, das auf Behavioral Finance, also die verhaltensorientierte Analyse der Finanzmärkte, setzt.

Die Wende zu steigenden Renditen ist seit Jahren aber nur ein Intermezzo. So zum Beispiel im Juni 2003, als die zehnjährige Bund-Rendite mit 3,43 Prozent ein historisches Tief markierte und in den Wochen danach auf 4,20 Prozent kletterte. Doch danach sanken die Renditen erneut, weil viele Investoren eine interessante Einstiegsmöglichkeit sahen.

Das Pulver der Bond-Bären, also derjenigen, die steigende Renditen erwarten, sei meist schnell verschossen, sagt Hirschmüller. „Es ist zwar sehr schwer zu sagen, was jeweils fundamental die Initialzündung für Renditerückgänge ist. Aber fallen die Renditen einmal, zieht das immer mehr Anleger an.“ Der Grund: Investoren, die in der Hoffnung auf steigende Renditen Liquidität am Geldmarkt parken, lassen sich dadurch die höhere Verzinsung am langen Ende entgehen. Wenn die Renditen aber fallen, verschiebt sich die Hoffnung auf eine Trendwende in die Zukunft. Folge: Investoren müssen, wenn sie denn endlich in die Langfristpapiere einsteigen, einen immer höheren Anschlusszins erzielen, damit sich ihr Warten unter dem Strich auszahlt. Deshalb greifen Investoren dann doch bei Bundesanleihen zu, wenn sie sehen, dass ihre Spekulation nicht aufgeht. „Dadurch werden die Marktteilnehmer – ob sie wollen oder nicht – in den Markt gedrängt“, meint Patrick Hussy, technischer Analyst bei der Fondsgesellschaft Deka Investment.

Verstärkt wird der ständige Run auf Anleihen dadurch, dass professionelle Investoren wie Fonds und Versicherer sehr viel Geld haben, das sie anlegen müssen. „Die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in den vergangenen Jahren haben sehr viel Geld in Umlauf gebracht“, sagt Hussy. Dieses Geld suche sich dann doch immer wieder seinen Weg in Anleihen.

„Dahinter steckt bei vielen Investoren die Angst, dass die Konjunkturschwäche größer ist, als das die Daten und Prognosen vermuten lassen“, sagt Ansgar Krekeler, technischer Analyst bei der WGZ-Bank. Auch Hussy meint, dass der Rentenmarkt oft ein besseres Gespür als die Aktienbörse dafür habe, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickle. So seien angesichts des schwachen Konsums und des Drucks auf den Arbeitsmarkt durch die Globalisierung erneute Deflationsdiskussionen denkbar.

Hirschmüller, Hussy und Krekeler erwarten, dass der Markt weitere Renditetiefs testen wird. Denn wenn ein historisches Tief erreicht sei, fielen die Renditen oft schnell weiter, sagt Hussy. Um den Markt ernsthaft zu drehen, müsse es schon überraschend positive Konjunkturdaten oder stark steigende Inflationsraten geben. Diese seien aber derzeit nicht abzusehen. Hirschmüller meint, dass die Zinswende erst kommt, wenn alle Investoren den Trend zu fallenden Renditen akzeptiert haben. „Davon sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt.“

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