Bundesanleihen stürzen ab, Euro legt zu Kommt die große Zinswende in Europa?

Der Markt spielt verrückt: Während am Donnerstag die Kurse für europäische Staatsanleihen weiter einbrechen, klettert der Euro-Wechselkurs zum Dollar auf den höchsten Stand seit Februar. Womit Analysten jetzt rechnen.
4 Kommentare

Starker Euro: Gemeinschaftswährung ist nicht tot zu kriegen

FrankfurtDer Markt spielt verrückt. Vor drei Wochen noch lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei nur 0,05 Prozent und Negativzinsen bei dieser viel beachteten Anleihe schienen greifbar nah. Doch seither werfen Investoren in Scharen Bundesanleihen – und auch Staatsanleihen anderer Euro-Länder – aus ihren Depots. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert am Nachmittag bei 0,65 Prozent. Am Morgen sah es noch dramatischer aus – der Kurs stieg zwischenzeitlich auf mehr als 0,7 Prozent. So hoch lag die Rendite zuletzt Mitte Dezember. Kommt jetzt die Zinswende in Europa?

Das wissen selbst Experten nicht so genau: „Nach wie vor wird nach Gründen für diese Entwicklung gefahndet“, schreiben die Strategen der Nationalbank Essen in ihrem morgendlichen Marktausblick. Denn mit Blick auf die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) müssten Kurse eigentlich eher steigen. EZB inbegriffen düften mehr Akteure an europäischen Staatsanleihen interessiert sein als vorher. Auch wird das Angebot an (deutschen) Staatsanleihen knapper. Momentan emittiert der Bund nur neue Bonds, um auslaufende abzulösen – nicht, um neue Schulden zu machen.

Offenbar rührt der aktuelle Renditeanstieg von anderer Seite her. „Der Auslöser für die Kursverwerfungen waren einerseits Daten, die zeigten, dass in der Euro-Zone wieder mehr Kredite vergeben werden. Andererseits die Information, das die Inflation in Deutschland im April auf 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal angestiegen war“, schreibt die Berenberg Bank in einem aktuellen Marktkommentar. Offenbar glauben auch immer mehr Marktteilnehmer, dass die Geldpolitik der EZB Früchte trägt:

Die Inflationserwartungen der Anleger waren zuletzt gestiegen. In aller Regel passen sich die Anleiherenditen den Inflationserwartungen an. Die Berenberg Bank schließt vor dem Hintergrund nicht aus, dass die Renditen deutscher Staatspapiere noch weiter steigen könnten: „Deutschland für 30 Jahr Geld für weniger als 0,5 Prozent Rendite zu leihen, macht wenig Sinn – es sei denn, man ist überzeugt, die EZB wird über die gesamte Zeit die Zinsen niedrig halten“, kommentieren die Analysten.

Diese Charts zeigen, welche Märkte verrückt spielen

DAX ®

WKN
ISIN
DE0008469008
Börse
Xetra

-63,71 -0,51%
Chart von DAX ®
Dax
1 von 10

Der Konflikt in der Ostukraine, der Schuldenstreit mit Griechenland, der fallende Ölpreis - zu Beginn des Jahres schien all das die Dax-Anleger kaum zu kümmern. Seit die Europäische Zentralbank angekündigt hatte, Staatsanleihen und andere Papiere im Umfang von 1,1 Billionen Euro bis 2016 aufzukaufen, kannte der Index nur eine Richtung: nach oben. Pendelte er zu Beginn des Jahres noch deutlich unter 10.000 Punkten, durchbrach er im Februar bereits die 11.000 Punkte-Marke. Im März folgte die nächste Etappe der Rally: Der Dax stieg erstmals in seiner Geschichte über 12.000 Zähler. Inzwischen ist die Euphorie der Anleger aber verflogen. Seit seinem Rekord von 12.391 Punkten im April befindet sich der Dax auf Korrekturkurs. Die Anleger sind vorsichtig geworden, der Zauber der Milliarden von „Super”-Mario Draghi dahin.

DAX- VOLATILITAETSINDEX

WKN
ISIN
DE0008467408
Börse
EUREX

0,00 0,00%
Chart von DAX- VOLATILITAETSINDEX
Dax-Volatilitätsindex
2 von 10

Wie sehr der Dax schwankt, lässt sich auch an seinem Volatilitätsindex ablesen. Der Index gibt an, welche Schwankungen des Dax am Terminmarkt erwartet werden. Ein hoher Wert deutet auf einen unruhigen Markt hin. Seit Jahresbeginn legte dieser Index um rund 24 Prozent zu. Allein in der ersten Maiwoche ging es 17 Prozent nach oben. Von den starken Schwankungen profitieren vor allem Börsenbetreiber und Hochfrequenzhändler. Ihnen bieten die Kursschwankungen höhere Handelsvolumina und mehr Möglichkeiten aus Kursdifferenzen an verschiedenen Handelsplätzen Gewinne zu machen. Für Privatanleger heißt es dagegen: Nerven bewahren.

BUNDESREP.DEUTSCHLAND ANL.V.2015 (2025)

WKN
ISIN
DE0001102374
Börse
STU

+0,18 +0,18%
+101,03€
Chart von BUNDESREP.DEUTSCHLAND ANL.V.2015 (2025)
Bundesanleihe (10 Jahre)
3 von 10

Auch der sonst eher ruhige Markt für Staatsanleihen spielt neuerdings verrückt. Denn seit Maibeginn werfen die Investoren Bundesanleihen reihenweise aus ihren Depots. Die Kurse brechen ein - innerhalb von nur einer Woche verlor die zehnjährige Bundesanleihe knapp 2,8 Prozent - dafür steigen die Renditen. Für viele Analysten kam der Kurseinbruch jedoch nicht überraschend. Vielmehr glauben sie, dass dies die Korrektur der durch die Staatsanleihenkäufe der EZB ausgelösten Übertreibungsphase am Markt einläute.

EUR/USD SPOT

WKN
ISIN
EU0009652759
Börse
FX

-0,00 -0,15%
+1,23€
Chart von EUR/USD SPOT
EUR/USD
4 von 10

Die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank hat sich nicht nur auf die Staatsanleihen, sondern auch auf den Euro ausgewirkt. Die Europäische Gemeinschaftswährung wertete zu Beginn des Jahres gegenüber dem US-Dollar massiv ab. War zum Jahresbeginn ein Euro noch rund 1,21 US-Dollar wert, rutschte die Währung am 16. März auf ein Rekordtief von rund 1,04 US-Dollar. Das befeuerte zunächst noch mehr die Aktien-Rally, etwa beim Dax, in dem exportstarke deutsche Unternehmen gelistet sind. In den USA machte der starke Dollar der einheimischen Industrie dagegen zu schaffen. Doch auch auf dem Devisenmarkt zeichnet sich seit kurzem eine Wende ab. Zuletzt stieg der Euro wieder über die 1,1 US-Dollar-Marke.

EURO-BUND-FUTURE FUTURE Jun./18

WKN
ISIN
DE0009652644
Börse
EUREX

+0,26 +0,17%
+156,00€
Chart von EURO-BUND-FUTURE FUTURE Jun./18
Euro-Bund-Future
5 von 10

Beim Euro-Bund-Future - dem Terminkontrakt für eine fiktive, zehnjährige Bundesanleihe mit einem Kupon von sechs Prozent - gilt: Je stärker die Rendite für die Bundesanleihe steigt, umso billiger wird der Euro-Bund-Future. Seit dem ersten Januar 2015 ist der Wert des Kontrakts um 1,3 Prozent gefallen, innerhalb der ersten Maiwoche sogar um 2,5 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt den Ausverkauf wider, der auf dem Markt für Staatsanleihen passiert. Der Kurs der Schuldpapiere der Bundesrepublik fällt, entsprechend steigt die ihre Rendite.

Ölpreis (Brent Barrel Oil)

WKN
ISIN
Börse

Chart von Ölpreis (Brent Barrel Oil)
Ölpreis (Brent Barrel Oil)
6 von 10

Die wohl für die Realwirtschaft folgenreichste Entwicklung hat der Ölpreis genommen. Kostete noch im Juli vergangenen Jahres ein Barrel rund 114 US-Dollar, fiel der Preis im Januar 2015 auf ein Tief von rund 48 Dollar je Barrel. Ein Grund für den rapiden Preisverfall ist das Überangebot am Markt. Die zunehmende Schieferöl-Produktion der USA drückte die Preise für den Rohstoff. Inzwischen hat sich die Marktlage allerdings wieder etwas entspannt - die US-Firmen produzieren bereits an ihren Kapazitätsgrenzen, sodass der Ölpreis kaum weiter fallen kann. Im vergangenen Monat ist er wieder um rund 17 Prozent gestiegen. Auf die Firmen hatte der billige Rohstoff unterschiedliche Effekte: Während einige von den günstigen Energiepreisen profitierten, mussten Öl- und Gasfirmen angesichts des Preisverfalls sparen.

UNITED STATES OF AMERICA DL-NOTES 2012(22)

WKN
ISIN
US912828SV33
Börse
STU

+0,05 +0,05%
+96,68€
Chart von UNITED STATES OF AMERICA DL-NOTES 2012(22)
10-jährige US-Staatsanleihe
7 von 10

Während die deutschen Staatspapiere ihren Kurswert einbüßen, werden die US-Staatsanleihen bei den Anlegern wieder beliebter. Der Kurs der zehnjährigen Anleihe ist seit Januar um rund 2,3 Prozent gestiegen. Angesichts einer möglichen Leitzinswende in den USA werden die bislang renditearmen Papiere für die Anleger wieder attraktiver.

Parallel zu den Verwerfungen auf dem Anleihemarkt, setzen – atypisch – auch die Aktienmärkte zurück. Dow Jones, Nikkei und am Morgen auch Dax fuhren herbe Verluste ein. Erst am Nachmittag erholte er sich wieder. Der Absturz reichte, um die Angst vor einer längerfristigen Korrektur zu schüren. Den Dax belastet vor allem der wiedererstarkende Euro. Nach schlechten Konjunkturdaten aus den USA in der vergangenen Woche, hatte der Euro eine Aufholjagd zum Dollar gestartet. Noch keinen Monat ist es her, da spekulierten Marktteilnehmer über die Parität von Euro und Dollar.

Das scheint jetzt vom Tisch, die Dollar-Rally scheint fürs erste vorbei. Am Donnerstag kostete Euro wieder fast 1,14 Dollar – so viel wie zuletzt Ende Februar. Grund für diese Entwicklung sind die zuletzt schwachen Konjunkturdaten aus den USA. Sollte die Wirtschaft weiter schwächeln, schwinden die Chancen, dass sich die US-Notenbank schon im Sommer von ihrer Nullzinspolitik verabschiedet. Dann dürfte der Dollar sogar weiter an Wert verlieren: „Die letzten vier Wochen waren nur ein müder Vorgeschmack auf das, was dem Greenback dann drohen würde“, warnt Commerzbank-Fachmann Ulrich Leuchtmann.

„Eine Gegenbewegung ist überfällig“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Bundesanleihen stürzen ab, Euro legt zu - Kommt die große Zinswende in Europa?

4 Kommentare zu "Bundesanleihen stürzen ab, Euro legt zu: Kommt die große Zinswende in Europa?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Private versus Notenbanken. Auch Institutionelle sind gehalten, sich vor Verlusten zu schuetzen und werden verkaufen, wenn sie mit sinkenden Kursen rechnen muessen.

  • "Nach wie vor wird nach Gründen für diese Entwicklung gefahndet"

    Es gibt nach meiner Beobachtung zwei Gründe:

    1. Gross und einige andere haben zu Leerverkäufen geraten. Das hat zum einen verunsichert und zum anderen Leute animiert, die Sache sofort durchzuziehen. Gegen die politische Notenbank zu spekulieren ist allerdings Wahnsinn, wenn man nicht absolut sicher ist. Man kann damit Glück haben, aber meistens eher nicht.

    2. Die Zinswende in den USA hat sich auch für den letzten erkennbar nach hinten verschoben. Jetzt machen ein paar Leute wieder einen kleinen Rückzieher von ihren Vorbereitungen. Der Dollar sinkt, der Euro steigt, die Aktien fallen.

  • Das ist Unsinn, der Anteil der privat gehaltenen Anleihen ist Peanuts gegen die von Institutionellen, das beinflusst den Markt wie ein Wassertropfen einen Vulkan

  • Offenbar zieht kaum jemand die Moeglichkeit in Betracht, dass private Anleger aus Anleihen fluechten, weil Anleihen unsicherer werden. Fuer Griechenland zeichnet sich keine Loesung ab und andere Laender bekommen weder ihre Wirtschaft in Gang noch ihr chronisches Budgetdefizit in den Griff. Wuerde sich die EZB mit noch mehr Geld gegen austeigende Privatanleger stemmen?

    Seit Beginn der Krise hat sich die Verschuldung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beschleunigt. Regierungen und Notenbanken hoffen, mit ihrer Geldflut die Konjunktur anzukurbeln und die Zinslast fuer Regierungen zu senken. Die bereits dramatische Verschuldung wuerde sich dann noch weiter erhohen. Die angeblich anziehende Konjunktur war in den USA eine Fata Morgana und so wird es auch in Europa sein.

    Wer bitte glaubt, “dass die Geldpolitik der EZB Früchte trägt”, dass die EZB ein Perpetuum Mobile hat?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%