Die Anleger sind verunsichert
Rentenmärkte stehen unter Druck

In dieser Woche ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe zum ersten Mal seit viereinhalb Jahren über die Marke von 4,50 Prozent gestiegen; die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe erreichte fünf Prozent.

FRANKFURT. Damit haben die langfristigen Kapitalmarktzinsen nach Meinung vieler Volkswirte das Niveau überschritten, auf dem sie den Prognosen zufolge erst am Ende des Jahres hätten liegen sollen (siehe Grafik). Fachleute erwarten aber, dass die Kurse der Anleihen zumindest kurzfristig noch weiter fallen und im Gegenzug die Renditen steigen werden. „Der Markt ist angeschlagen, und zuletzt haben viele Investoren gefürchtet, in ein fallendes Messer zu greifen“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus und Burkhardt. Einen kurzfristigen Anstieg der zehnjährigen Bund-Rendite auf 4,70 Prozent hält er für durchaus möglich. Solange die Europäische Zentralbank (EZB) weiter auf Zinserhöhungskurs sei, bleibe der Anleihemarkt tendenziell unter Druck, heißt es auch bei den Zinsstrategen der Commerzbank.

Die EZB hob am Mittwoch den Leitzins auf vier Prozent an. EZB-Chef Jean-Claude Trichet deutete – wie andere Notenbanker vor ihm – eine weitere Zinserhöhung an. Einige Banken erwarten sogar noch zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr. Seit Dezember 2005 haben die europäischen Währungshüter achtmal an der Zinsschraube gedreht. Damit wollen sie die Inflationsgefahren angesichts der stetig besser laufenden Wirtschaft eindämmen.

Die Zinserhöhungen haben die Rentenmärkte deutlich belastet. Allein in diesem Jahr ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe um einen halben Prozentpunkt gestiegen; seit dem historischen Tief vom September 2005 summiert sich der Renditeanstieg auf anderthalb Prozentpunkte. Die Phase von steigenden Renditen und fallenden Kursen dauert nun schon 20 Monate und damit länger als die letzte große Verlustserie von 1994. Damals hatte die US-Notenbank Fed die Märkte unvorbereitet mit einer Serie schneller Zinserhöhungen getroffen.

Die fallenden Anleihekurse belasten vor allem die Entwicklung von Rentenfonds, die im Schnitt schon das zweite Jahr in Folge leicht im Minus liegen. Auch die Portfolios von Lebensversicherern leiden unter der Entwicklung. Schmerzlich bemerkbar macht sich die Entwicklung auch bei privaten Häuslebauern: Die Hypothekenzinsen für eine zehnjährige Bindung liegen bei im Schnitt gut fünf Prozent und damit so hoch wie seit drei Jahren nicht mehr. Neue Baukredite und Anschlussfinanzierungen haben sich drastisch verteuert. Positiv sind die steigenden Kapitalmarktzinsen dagegen für Anleger, die sich neu am Rentenmarkt engagieren. „Das höhere Renditeniveau dürfte bald wieder Investoren wie Lebensversicherer anlocken“, meint Schilbe von HSBC. Dies gelte vor allem, wenn sich eventuell im Herbst Klarheit über die weitere Politik der EZB abzeichne. Lebensversicherer kaufen besonders gerne lang laufende Anleihen, weil sie mit ihrer Hilfe ihre Einnahmen mit ihren Auszahlungsverpflichtungen in Einklang bringen können.

Privatanlegern raten Fachleute dagegen eher zum Kauf von Anleihen mit kurzer Laufzeit. Der Grund: Kurzlaufende Anleihen bringen nach den zahlreichen Zinserhöhungen der EZB fast so viel Rendite wie langlaufende Bonds. Dabei sind sie wegen des überschaubareren Anlagehorizonts mit Blick auf Inflationsrisiken die sicherere Alternative.

Der Kauf von Langläufern lohnt sich nur für Investoren, die optimistisch für die Anleihemärkte gestimmt sind und auf deutlich steigende Notierungen setzen.

Zu den Optimisten gehören noch die Strategen von Dresdner Kleinwort, die aber gerade ihre Prognosen überprüfen. „Ob die Renditen im Euro-Raum wieder sinken, hängt von der Entwicklung in den USA ab“, sagt Daniel Pfändler von Dresdner Kleinwort. Er hält es für fraglich, dass die Wirtschaft in den USA weiter im bisherigen Tempo wächst. Deshalb schließt er nicht aus, dass die US-Notenbank die derzeit bei 5,25 Prozent liegenden Leitzinsen senkt. Das würde sich positiv auf die Bondkurse in den USA und auch im Euro-Raum auswirken.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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