Die Anleihen sind gefallen, der Aktienmarkt bietet aber noch gute Chancen
Begeisterung für Brasilien hat sich deutlich abgekühlt

Brasilien ist in der Gunst der Finanzmärkte wieder gesunken. Der Zinsaufschlag der Brasilien-Anleihen gegenüber US-Papieren stieg im August über 900 Basispunkte (9,0 Prozentpunkt), zuvor hatte er bei rund 700 gelegen.

SAO PAULO. Gleichzeitig wertete sich der Real gegenüber dem Dollar von 2,8 auf 3,1 R$/$ ab. Und die brasilianischen Banken registrieren eine steigende Nachfrage nach Dollarabsicherung – ein Zeichen, dass die Unternehmen mit einem weiter steigenden Dollar rechnen. Ein weiteres Schwächezeichen für Brasilien: Der Börsenindex in São Paulo, der vor kurzem über 14 000 Punkte gestiegen war, sank wieder unter 13 000 Punkte.

Nach Ansicht mancher Experten wiederholt sich damit schlicht ein gewohntes Muster. „Das geht nun schon seit drei Jahren so“, sagt ein deutscher Banker in São Paulo, „das erste Semester läuft gut, das zweite schlecht.“ Als entscheidend für den Stimmungswechsel werden diesmal die Zinssteigerungen in den USA angesehen. Sie sorgten für einen Abzug von Liquidität aus allen Schwellenländern, nachdem zuvor viel Geld aus den Industrieländern dorthin geflossen war, weil es zu Hause nur noch Minirenditen gab.

„Die Märkte reagieren wieder nervös“, beobachtet Alexandre Bassoli, Chefökonom von HSBC-Investment Bank in São Paulo. Um so stärker achten die Investoren auf jedes Gerücht: So reichte zu Wochenbeginn die – falsche – Nachricht, dass der von den Investoren geschätzte Finanzminister Antonio Palocci zurück treten solle, für starke Kursschwankungen

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Die Investmentbank Merrill Lynch senkte ihre Kaufempfehlung für brasilianische Anleihen herab auf „Marketweight“, also eine neutrale Einstufung. Grund dafür sind vor allem die erhöhten US-Zinsen. Allerdings bleiben die Banken bei einer grundsätzlich positiven Einschätzung. „Wir wären besorgter über Brasilien, wenn wir Zweifel an der Reformfähigkeit der Regierung hätten“, schreiben die Analysten von Merrill Lynch. Nachdem die Vorlage der Rentenreform vergangene Woche im Kongress festzustecken drohte, hat Präsident Luiz Inácio Lula da Silva aber seine geplante Afrikareise abgesagt, damit die erste Lesung des umstrittenen Reformprojekts möglichst bald stattfinden kann.

„Wir glauben, dass die Regierung gute Chancen hat, die Abstimmungen noch diese Woche zu beginnen“, sagt Sonia Martin von JP Morgan, „das wäre drei Wochen früher als vorgesehen.“ Für die Investmentbanken ist die Reform der Test, ob sich die Regierung Lula politisch durchsetzen kann oder gegen die starken Interessengruppen wie Richter und Beamte klein beigeben wird. Bisher zeigt die Regierung Lula eine überraschende Stärke.

Deshalb bleiben auch die Aussichten für die brasilianische Börse gut. Merrill Lynch hält brasilianische Aktien weiterhin als „overweight“, also überdurchschnittlich stark im Portfolio. Verschlechtert habe sich zwar das Kurspotenzial von Bankaktien, verbessert dagegen die Aussichten für Exporteure wie den Erzkonzern CVRD oder den Energieriesen Petrobrás. Für August setzen die Analysten der Investmentbank Bradesco Corretora aber eher auf Nebenwerte unter den Exporteuren wie den Zelluloseproduzenten Ripasa oder den Autozulieferer Marcopolo. Ihre Kurse hatten im Juli noch nicht so sehr wie die großen Werte vom steigenden Dollar profitiert.

Nach Ansicht von Walter Molano, Emerging-Market Experte bei BCP Securities, ist derzeit weder die Inflation noch der Wechselkurs entscheidend. „Die Zentralbank muß dringend die Zinsen senken“, sagt Molano, „sonst würgt sie weiterhin die Konjunktur ab, und bei der hohen Arbeitslosigkeit nehmen die sozialen Spannungen zu.“

Quelle: Handelsblatt

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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