Die wahren Verluste
Was der Schuldenschnitt die Gläubiger kostet

Banken und Fonds müssen dem „freiwilligen“ Schuldenschnitt für Griechenland zustimmen. Eine Wahl bleibt ihnen nicht. Dafür wird ein neues Gesetz sorgen. Die Verluste liegen weit höher, als es zunächst den Anschein hat.
  • 29

Frankfurt/DüsseldorfAnleihen galten einst als sichere Geldanlage. Sie schwanken kaum und am Ende bekommt der Anleger sein Geld zurück. So dachten viele. Doch seit der Staatsschuldenkrise in Europa ist klar: Staatsanleihen sind viel riskanter als gedacht - und jetzt ist das auch amtlich.

Damit Griechenland nicht gleich in die Pleite rutscht, sollen die privaten Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Darauf haben sich die Euro-Zone und der IWF mit dem internationalen Bankenverband IIF als Unterhändler der Gläubiger am Dienstag gegen 4 Uhr am frühen Morgen geeinigt.

Die Banken, Fonds und Versicherungen sollen auf 53,5 Prozent des Nennwerts ihrer Anleihen verzichten. Doch die tatsächlichen Verluste liegen noch weit höher. Die Banken müssten de facto Abschreibungen auf ihre griechischen Staatsanleihen von 73 bis 74 Prozent schultern, sagten mehrere mit den Gesprächen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Im Detail könnte der Schuldenschnitt so aussehen: Die Gläubiger erhalten für ihre alten Griechen-Papiere von insgesamt 200 Milliarden Euro beispielsweise 30 Milliarden Euro sichere EFSF-Anleihen plus 70 Milliarden Euro neue griechische Staatsanleihen. Die neuen Anleihen sollen einen Zinskupon von 2 Prozent bis 2014 haben, der in den Folgejahren bis auf 4,3 Prozent steigen wird. Normalerweise müsste Griechenland für langfristige Anleihen viel höhere Zinsen zahlen. Deshalb dürfte der Kurs der neuen Anleihen am Markt deutlich fallen - was für Banken und Fonds weitere Abschreibungen zur Folge hätte.

Die meisten Institute dürften diese Abschreibungen noch in ihren Bilanzen 2011 verbuchen, die in den nächsten Wochen fertig gestellt werden. Die französische Großbank BNP Paribas hat ihre griechischen Anleihen im vierten Quartal bereits um 75 Prozent abgeschrieben.

Auch die Versicherer Allianz und der Rückversicherer Munich Re wollen prüfen, wie sich der Schuldenschnitt für sie auswirkt. Bei der Allianz standen Ende des dritten Quartals im September noch insgesamt 497 Millionen Euro in den Büchern. Das waren 39 Prozent des Nennwerts. Die Munich Re hatte Anfang Februar bei der Bekanntgabe der Eckzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr mitgeteilt, die griechischen Papiere stünden noch mit rund 400 Millionen Euro in der Bilanz, was 23 Prozent des Nennwerts entspreche.

Seite 1:

Was der Schuldenschnitt die Gläubiger kostet

Seite 2:

Wie Investoren zum "freiwilligen" Schuldenschnitt gezwungen werden

Kommentare zu " Die wahren Verluste: Was der Schuldenschnitt die Gläubiger kostet"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @-debrasseur: Zu ihrer vernichtenden Kritik an Merkel ein Kommentar von Prof. Sinn von Ifo-München aus einem FAZ-Interview vom 18.02.2012: Wie fällt Ihr Urteil über die Verhandlungstaktik der Bundeskanzlerin aus? Antwort Prof. Sinn: "Frau Merkel wird von der Wall Street, Obama, der City of London, Sarkozy, Barroso und allen Staatschef der südlichen Länder gedrängt, den Anlegern über die Bad Bank in Luxemburg, die letztes Jahr gegründet wurde (die EFSF; die Redaktion), ihre toxischen Staatspapiere abzukaufen. Dagegen hat sie die Strategie des Durchwurstelns entwickelt. Sie macht ihr Portemonnaie auf, wenn der Druck zu groß wird, aber sie gibt nicht alles her, was sie hat, weil sie weiß, dass ihre Freunde dann kein Interesse mehr an ihr haben. Sie versucht ihr Bestes. Aber wir sitzen trotzdem in der Falle." In der Tat sitzen wir in der Falle und zwar seit der Entscheidung für den Euro als Gemeinschaftswährung um die Jahrtausendwende, bei der allerdins eine breite öffentliche Meinung beteiligt war: Auch Sie?

  • Mittelverknappung - Absatzstockung - leere Staatskassen - Sozialabbau - Rechtsstaatsabbau ... Nationalismus. Die Geschichte der Völker ist die Geschichte ihrer Volkswirtschaft und nicht einzelner Despoten; die Vorstadien, die in Krieg führen dürften bekannt sein.
    Eine konkursamtliche Liquidation eines Landes ist nirgens geregelt. Der Schulenschnitt zeugt von dilettantischem Rechtsverständnis. Ich verstehe nicht warum dem Zinswucher und der Ausbeutung von Notlagen nicht durch Regelungen gegen den Missbrauch im Zins- und Kreditwesen Grenzen gesetzt werden, so dass die Spekulation gegen Staaten aufhört. Wie will man jungen Erwachsenen in Griechenland klar machen, dass sie vom Mindestlohn von 751 Euro 32% Lohnkürzung akzeptieren sollen, wenn gar die EZB mit griechischen Anleihen Gewinne einstreicht und reiche Griechen 200Mia auf Schweizer Bankkonten versteckt haben?

  • Unsere Regierung und die europäischen Politiker. Die merken nicht, dass die griechische Regierung dabei ist, jegliche Bonität (Glaubwürdigkeit + Vertragstreue) europäischer Staatsanleihen zu zerstören. Welcher EU-Ausländer wird künftig noch auf Euro lautende Anleihen erwerben, wenn er täglich damit rechnen muss, dass die Vertragsbedingungen der Anleihen zu Gunsten des Schuldners sowie zu Lasten der Gläubiger geändert. werden?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%