Emissionsrekord
Konzerne nutzen Anleihen als Kreditersatz

Anleihen waren für Unternehmen noch nie so wichtig wie in diesem Jahr. Europäische Konzerne abseits der Finanzbranche haben Bonds über mehr als 380 Mrd. Euro begeben – vor allem zur Refinanzierung. Für 2010 rechnen Experten mit einem deutlichen Rückgang, dennoch dürften Anleihen wichtig bleiben.
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FRANKFURT. Anleihen waren für Unternehmen noch nie so wichtig wie in diesem Jahr. Europäische Konzerne abseits der Finanzbranche mit solider Bonität haben seit Januar Bonds über mehr als 380 Mrd. Euro begeben und damit so viele wie noch nie. Im Vergleich zum Krisenjahr 2008 haben sich die Emissionen sogar mehr als verdoppelt. Dabei nutzen Europas Unternehmen erstmals Anleihen zur Refinanzierung stärker als syndizierte Kredite – also von mehreren Banken gemeinsam vergebene große Darlehen.

In den vergangenen zehn Jahren machten Anleihen im Vergleich zu den syndizierten Krediten nach Berechnungen der Royal Bank of Scotland (RBS) bei den europäischen Unternehmen im Schnitt nur 27 Prozent der Fremdkapitalaufnahme aus. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 64 Prozent. Damit sah die Mittelaufnahme europäischer Unternehmen erstmals ähnlich aus wie die in den USA, wo Anleihen schon lange eine wesentlich größere Rolle spielen als große Bankkredite. Als Vorteil der Anleiheemissionen gilt, dass Unternehmen über sie längerfristiger als über Kredite an Geld kommen und die Anleiheinvestoren zudem weniger Anlegerschutzklauseln (Covenants) als Banken verlangen.

„Anleihen waren in den vergangenen zwölf Monaten angesichts der restriktiveren Kreditvergabe der Banken für Unternehmen die beste Möglichkeit, um an Fremdkapital zu kommen“, sagt Roland Plan, der bei der RBS in London das Geschäft mit neuen europäischen Unternehmensanleihen leitet. „Die Unternehmen, die Zugang zu den Kapitalmärkten hatten, haben das in diesem Jahr als Segen empfunden“, meint auch Ralf Darpe, Leiter des Anleihe- und Aktiengeschäfts bei der Société Générale in Frankfurt.

Refinanzierung ist günstig geworden

Zu erklären ist das mit der großen Nachfrage der Investoren. Die stürzten sich schon Ende vergangenen Jahres – also kurz nach der verheerenden Pleite der US-Bank Lehman Brothers – wieder auf neue Anleihen, die im Vergleich zu Aktien als die sicherere Anlageform gelten. Gleichzeitig boten Unternehmen für ihre neuen Anleihen hohe Zinsen und hohe Risikoprämien im Vergleich zu ausstehenden Anleihen. Die große Nachfrage hat die Renditen der Firmenbonds inzwischen wieder massiv fallen lassen. Deshalb können sich die Unternehmen jetzt sehr günstig über neue Anleihen refinanzieren.

Im Januar lagen die durchschnittlichen Renditen für auf Euro lautende Unternehmensanleihen mit Ratings im vergleichsweise sicheren Investment-Grade nach Daten der Bank of America Merrill Lynch bei 6,1Prozent. Inzwischen sind es nur noch 3,5 Prozent. So niedrig waren die Renditen zuletzt im Frühjahr 2005. Zudem sind sie inzwischen niedriger als die syndizierter Kredite.

Die niedrigen Renditen und Risikoprämien im Vergleich zu Bundesanleihen werden Unternehmen nach Ansicht von Plan von der RBS gerade im ersten Halbjahr noch ausnutzen, um weitere neue Anleihen zu begeben. Denn im zweiten Halbjahr könnte die Refinanzierung für die Unternehmen wieder teurer werden, wenn die Zentralbanken damit anfangen, Liquidität aus dem Markt zu nehmen und sich langsam wieder auf Zinserhöhungen vorbereiten. Auch die Kreditstrategen von Barclays Capital gehen davon aus, dass Unternehmen die extrem niedrigen Renditen noch nutzen werden, um neue Bonds zu begeben.

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