Europäische Anleihen
Wie man den Investoren den Appetit verdirbt

Alle starren auf die Kurse italienischer Staatsanleihen. Doch eigentlich geht es nicht um die hohen Risikoaufschläge, sondern um die Frage, wer in Zukunft überhaupt noch europäische Anleihen kaufen soll.

Ein Land, das vier Amtszeiten unter einem Hallodri wie Silvio Berlusconi überlebt, muss ziemlich robust sein. Und in der Tat verfügt Italien trotz aller Unkenrufe über ein Maß an gesellschaftlicher Stabilität und ökonomischer Kraft, das Vergleiche mit Ländern wie Griechenland oder Portugal verbietet.

In der vergangenen Woche war überall zu lesen, ein Zinsniveau von sieben bis acht Prozent sei mörderisch und unhaltbar für Italien. Doch in Wahrheit geht es nicht um die Risikoaufschläge, die Investoren gegenwärtig verlangen. Die Gefahr ist eine andere, viel fundamentalere: Finden sich im nächsten Jahr überhaupt noch Privatinvestoren, die bereit sind, ihr Geld in italienische (oder französische) Staatsanleihen zu stecken? Es geht bei den Turbulenzen an den Finanzmärkten inzwischen keineswegs nur um das Vertrauen in Italien, sondern um das generelle Vertrauen in eine ganze Anlagekategorie.

Bis vor einem Jahr galten die Staatsanleihen der EU-Kernländer als vollkommen risikolos. Die Banken mussten sie deshalb nicht mit Eigenkapital unterlegen. Der Hair-Cut bei griechischen Staatsanleihen zwingt nun nicht nur die Banken, sondern alle privaten Investoren zu einer völligen Neueinschätzung. Sie müssen plötzlich Teilausfälle von europäischen Staatsanleihen ins Kalkül ziehen, Abschreibungen auf ihre Bestände vornehmen und Eigenkapital für sie vorhalten.

Die Sonderrolle, die europäische Staatsanleihen bisher für private Investoren spielten, geht unwiederbringlich zu Ende. Selbst auf einen wichtigen Vorteil können sich die Investoren nicht mehr verlassen: auf ihre hohe Liquidität. Viele Anleihen aus Problemländern sind so gut wie unverkäuflich geworden. Nur deutsche Staatsanleihen funktionieren in einer Welt, die nur noch Risiken sieht, weiterhin als ultimativer Sicherheitsstandard und ständig liquide Kapitalanlage. Aber schon die französischen Staatsanleihen könnten im weiteren Gefolge der jetzigen Schuldenkrise leicht in ähnliche Schwierigkeiten geraten wie die italienischen.

Außerdem fallen zahlreiche Nachfrager der Vergangenheit vollständig aus - zum Beispiel in Deutschland die Hypo Real Estate oder einige Großbanken in Frankreich. Und auch die Versicherungen werden mittelfristig kaum noch viel Appetit zeigen, wenn sie europäische Staatsanleihen als riskanter einschätzen müssen als beispielsweise Unternehmensanleihen.

Was wir in diesen Wochen erleben, ist also mal wieder ein gutes Beispiel für das Gesetz der ungeahnten Folgen: Weil die Regierungen in der Euro-Zone die privaten Anleger zu einer Neubewertung von Staatsanleihen zwingen, erzeugen sie überhaupt erst einen Großteil der Probleme, die zur Begründung dieser Neubewertung herhalten müssen. Der öffentliche Druck, den Angela Merkel und andere gegen Italien organisieren, ist zwar verständlich. Aber er wirkt zugleich als Brandbeschleuniger der Schuldenkrise. Die Europäer müssten schnellstens lernen, wieder mehr gemeinsam zu handeln, als übereinander zu reden.

Der Autor ist Publizist und war lange Jahre Chefredakteur des Handelsblatts.

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