Experten halten Anleihen noch für überteuert
Bondmarkt setzt auf Konjunkturflaute

Die Märkte für Staatsanleihen erleben einen unerwarteten Boom. Die Kurse steigen unablässig. Entsprechend fällt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe seit Wochen von einem Tief auf das nächste. Analysten erklären die Renditetiefs mit der Sorge vor dem Abschwung.

FRANKFURT/M. Auch gestern lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe zeitweise unter der psychologisch wichtigen Marke von 3,30 Prozent, nachdem sie am Vortag sogar bis auf 3,27 Prozent abgesackt war. Damit liegt die Rendite fast 0,4 Prozentpunkte unter dem Stand vom Jahresanfang. Deutsche Staatsanleihen gelten als die wichtigste Orientierungsgröße für den Bondmarkt der Euro-Zone. Die meisten Banken hatten für dieses Jahr steigende Kapitalmarktzinsen und fallende Anleihekurse prognostiziert.

Gestern verlor die Rally allerdings an Schwung. Denn professionelle Anleger, die bei Anleihen nicht nur auf Zinserträge, sondern auch auf Kursgewinne setzen, nahmen Gewinne mit. In diesem Jahr haben Bundesanleihen den Investoren einen Gesamtertrag aus Kursgewinnen und Zinsen von knapp 3,6 Prozent beschert. Der Deutsche Aktienindex legte dagegen nur 2,1 Prozent zu.

Viele Investoren halten den Rentenmarkt aber für überbewertet. Nach einer Umfrage von Merrill Lynch unter mehr als 300 professionellen Anlegern halten 71 Prozent Anleihen für zu teuer. Dennoch sehen Experten derzeit wenig Rückschlagsgefahr für den Rentenmarkt. „Es gibt kaum etwas, das den Trend zu niedrigen Renditen aufhalten könnte“, meint Peter Müller, Zinsstratege bei der Commerzbank. Das hänge vor allem mit der selektiven Wahrnehmung des Anleihemarktes zusammen. Dessen Akteure achten nach wie vor vor allem auf Wirtschaftsdaten aus den USA. Doch selbst ein guter US-Arbeitsmarktbericht und hohe Einzelhandelsumsätze konnten die Renten-Rally nicht stoppen. Stattdessen achtet der Markt mehr auf Frühindikatoren, die in der Tat ein schlechteres Bild darstellten.

„Es ist auffallend, wie alle guten Indikatoren weggewischt werden“, sagt Müller. Wenn die Konjunktur jedoch tatsächlich nicht anspringe, seien die niedrigen Renditen gerechtfertigt. Denn dann gebe es keine Inflationsgefahren, und die Notenbanken hätten keinen Grund, die Leitzinsen anzuheben. Der Markt preise aber noch keine Rezession mit sinkenden Leitzinsen ein. Inflationsgefahren spielten dagegen keine Rolle mehr.

Für Michael Mewes, Leiter der Strategie für Zinspapiere bei der Fondsgesellschaft JP Morgan Asset Management in Frankfurt, spielt der Markt dagegen schon „ganz klar Rezession“. Von einem anhaltend sinkenden Wachstum seien aber zumindest die USA weit entfernt, meint Mewes. Im ersten Quartal dieses Jahres wuchs das amerikanische Bruttoinlandsprodukt um 3,6 Prozent. In der Euro-Zone fiel der Anstieg mit 0,5 Prozent zwar wesentlich schwächer aus, doch auch die Euro-Zone insgesamt gilt nicht als rezessionsgefährdet. Gegen dieses Szenario spricht auch, dass die Aktienmärkte in jüngster Zeit zugelegt haben.

„Dennoch profitieren Staatsanleihen ganz klar von der Flucht in die Qualität“, sagt Mewes. Die Spekulationen um Verluste von Hedge-Fonds, die sich bei den inzwischen als unsichere „Junk-Bonds“ eingestuften Anleihen von Ford und General Motors möglicherweise verspekuliert haben, hielten den Markt in Atem. Dabei wurden Erinnerungen an die Krise des Hedge-Fonds LTCM im Jahr 1988 wach, die eine Finanzmarktkrise auslöste. Auch damals gab es eine Flucht in sichere Staatsanleihen.

Die Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung und Krisen bei Hedge-Fonds dürften Experten zufolge noch eine Weile anhalten. Eine Wende am Bondmarkt erwart Müller erst, wenn es wirklich überraschend positive Konjunkturdaten gibt.

Mewes rechnet damit, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bis zum Jahresende auf etwa 3,60 Prozent steigen wird. Auch viele Volkswirte, die am Ende des vergangenen Jahres für 2005 einen deutlichen Renditeanstieg prognostiziert hatten, rudern langsam zurück. So haben zum Beispiel Dekabank, WestLB und Hypo-Vereinsbank ihre Prognosen deutlich gesenkt. Im November 2004 hatten sie noch erwartet, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe Ende 2005 bei bis zu 4,50 Prozent liegen wird. Heute prognostizieren sie nur noch einen Anstieg auf maximal 3,70 Prozent.

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