Fachleute sehen trotz der flachen Kurve am Anleihemarkt keine Gefahr einer Rezession
Zinskurve im Euro-Raum kollabiert

Die Anleihemärkte sind in einer ungewöhnlichen Phase. Gestern warfen zehnjährige Bundesanleihen genauso viel Rendite ab wie zweijährige – zum ersten Mal seit gut sechs Jahren. Beide Papiere rentierten gestern Mittag gleichauf mit 3,73 Prozent.

FRANKFURT. Deutsche Anleihen sind der Maßstab für die Entwicklung der Bondmärkte im Euro-Raum. Vor einem Jahr brachten zweijährige Bundesanleihen noch fast 0,8 Prozentpunkte mehr Rendite als zehnjährige. Bei einem solchen Phänomen sprechen Experten von einer flachen Zinskurve. In den USA ist die Kurve seit Monaten sogar invers, das heißt, dort ist zum Beispiel der Leitzins für kurzfristige Ausleihungen von 5,25 Prozent höher als die Rendite zehnjähriger Bonds. Sie beträgt 4,65 Prozent.

Flache und inverse Kurven sind ungewöhnlich, weil Investoren üblicherweise eine umso höhere Rendite fordern, je länger sie ihr Geld in Zinspapieren investieren. Das Renditeplus gilt als Ausgleich für Inflationsrisiken. In der Vergangenheit war eine inverse Zinskurve oft Vorzeichen einer Rezession. Anleger akzeptieren in dieser Situation langfristig niedrigere Konditionen, weil sie erwarten, dass die Kurzfristsätze wegen der erwartet schwächeren Wirtschaftsentwicklung sinken werden.

Aktuell sehen Experten aber keine Rezessionsgefahr. „Selbst für die USA ist eine Rezession derzeit unwahrscheinlich, und im Euro-Raum kann davon keine Rede sein“, sagt Kornelius Purps, Zinsstratege bei der Hypo-Vereinsbank. Auch Daniel Pfändler von Dresdner Kleinwort hält die Situation nicht mit den Jahren 1992 und 2000 vergleichbar, in denen eine inverse Zinskurve im Euro-Raum tatsächlich einer Rezession vorauslief. Dass nun wie in den USA auch die Euro-Kurve invers wird und im kommenden Jahr auch bleiben wird, ist für Pfändler dagegen keine Frage.

Den Grund für die verkehrte Zinswelt sehen Fachleute darin, dass die Kurz- und Langfristzinsen derzeit von unterschiedlichen Einflüssen dominiert werden. „Wie stark die Zinskurve in der Euro-Zone invertiert, hängt vor allem von der Europäischen Zentralbank ab“, meint Harvinder Sian, Rentenstratege bei ABN Amro. Die EZB hat die Leitzinsen seit Dezember in vier Schritten auf 3,25 Prozent angehoben. Eine weitere Erhöhung in diesem Jahr auf 3,50 Prozent gilt als sicher, und auch für 2007 rechnen viele Anleger mit Anhebungen.

„Die Leitzinserhöhungen sind ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft im Euro-Raum noch robust ist“, meint Pfändler. Zudem seien die Inflationserwartungen stabil, was sich in den lang laufenden Anleihen widerspiegele.

„Die zehnjährigen Bundesanleihen werden dagegen fast ausschließlich von der Entwicklung der zehnjährigen US-Bonds getrieben“, erklärt Purps.

In den USA halten sich die Hoffnungen, dass die Notenbank Fed die Leitzinsen von derzeit 5,25 Prozent im nächsten halben Jahr senken wird. Das ist einer der Hauptgründe, der die lang laufenden Kapitalmarktzinsen in den USA seit Frühjahr nach unten treibt.

Purps geht aber davon aus, dass sich die Euro-Renditen von den US-Anleihen bald abkoppeln und sich die Zinskurve im Euro-Raum deshalb allenfalls nur kurzzeitig umkehrt.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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