Finanzkrise: Bankengläubiger bangen um ihr Geld

Finanzkrise
Bankengläubiger bangen um ihr Geld

Die Unsicherheit an den Kreditmärkten erreicht neue Dimensionen. Auslöser dafür sind Diskussionen, wonach die Besitzer herkömmlicher Bankenanleihen zur Kasse gebeten werden könnten, wenn die Banken erhebliche staatliche Kapitalspritzen bekommen. Politiker und Wissenschaftler sind alarmiert, sie fürchten "unabsehbare Folgen" für das System.

FRANKFURT. Dafür müsste geltendes Recht geändert werden, wonach vorrangige Gläubiger Anspruch auf Zinsen und Tilgungen haben. "Dies würde grundlegende Spielregeln der Marktwirtschaft aushebeln", warnt Professor Andreas Hackethal von der Goethe Business School.

In den USA gibt es bereits Bestrebungen von Politikern, Anleihebesitzer an Verlusten der Banken zu beteiligen. Dafür sei es an der Zeit, sagt etwa Brad Sherman, der für die Demokraten im Repräsentantenhaus sitzt. Die Analysten der US-Bank JP Morgan raten Investoren explizit, Bankenanleihen zu meiden: Schlimmstenfalls könnten nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Bondbesitzer in die Pflicht genommen werden. Konkret könnte dies zum Beispiel bedeuten, dass die eigentlich 100-prozentigen Rückzahlungswerte der Anleihen herabgesetzt werden.

Selbst Äußerungen von US-Notenbankchef Ben Bernanke beruhigten die Investoren nicht. Bernanke hat sich diese Woche indirekt in die Diskussion eingeschaltet, indem er betonte, dass keine systemisch wichtige Bank ausfallen dürfte. Trotzdem sind die Risikoprämien für Instrumente, mit denen sich Investoren vor einem Zahlungsausfall von Banken schützen können, auf Rekordhochs gestiegen. Anleger werten die Gefahr, dass Banken insolvent werden, höher als die Ausfallgefahr von Unternehmen mit vergleichbarer Bonität. Und das, obwohl Regierungen rund um die Welt nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers zugesichert haben, keine systemisch wichtige Bank mehr fallenzulassen.

"Dann kippt das ganze System"

In Europa sind Investoren vor allem mit Blick auf Großbritannien verunsichert. Das Finanzministerium hatte vor drei Wochen entschieden, dass die verstaatlichte Hypothekenbank Bradford & Bingley keine Zinsen auf bestimmte Anleihen zahlen muss. Dabei handelt es sich zwar um nachrangiges Kapital, aber um solches, bei dem Zinsen nicht beschnitten werden dürfen. Die Kreditstrategen der französischen Großbank BNP Paribas empfehlen seither, auch europäische Bankenanleihen unterzugewichten. So gebe das britische Gesetz, das die Bankenrettungen regelt, der Regierung unter Einschränkungen Befugnisse, auch die vorrangigen Bankengläubiger zu belasten.

In der deutschen Politik beobachtet man vor allem die Entwicklungen in den USA mit Sorge. "Es besteht die große politische Gefahr in den USA, dass Rettungsmaßnahmen für Finanzdienstleister künftig nicht mehr nur aus dem Haushalt finanziert werden, sondern auch über die vorrangigen Anleihebesitzer", sagt ein Finanzpolitiker in Berlin. Dies bereite Kopfzerbrechen. Der politische Druck in den USA, dort die Steuergelder schonend einzusetzen, dürfe nicht zu falschen Weichenstellungen führen.

Noch deutlicher werden Wissenschaftler und Analysten. Wenn Anleihebesitzer für Verluste mithaften müssten, würden "Banken dauerhaft vom Kapitalmarkt abgeschnitten werden", warnt Professor Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt. Professor Hackethal fürchtet "unabsehbare Folgen". Ähnlich besorgt ist Analyst Ralf Burmeister von der Landesbank Baden-Württemberg: "Wenn Investoren nicht mehr auf bestehende Verträge vertrauen können, kippt das ganze System."

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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