Folgen der Minuszinsen
Japans größte Bank hat genug von Bonds

Die Mitsubishi Tokyo UFJ Bank will nicht mehr länger Staatsanleihen des eigenen Landes handeln. Die Großbank könnte damit den Startschuss auch für andere Institute geben - und Japans Bondmarkt Probleme bereiten.

TokioDie Einführung negativer Zinsen in Japan lässt die heimischen Banken zu drastischen Maßnahmen greifen. Als erste japanische Großbank überlegt die Mitsubishi Tokyo UFJ Bank (BTMU), ihren Status als Primärhändler japanischer Staatsanleihen (JGBs) aufzugeben. Sie ist der Kern der Finanzgruppe Mitsubishi UFJ (MUFG), der größten Finanzgruppe des Landes. Und sollte sie ihren Plan verwirklichen, könnte sie nur die Vorhut sein. Nach Informationen der Wirtschaftszeitung Nikkei prüfen die Finanzgruppen Sumitomo Mitsui und Mizuho den gleichen Schritt.

Für Japans finanzpolitisches Establishment sind die Pläne ein Erdbeben. Ausländische Institute hatten zwar schon ihren Status als Primärhändler aufgegeben, der ihnen unter anderem bevorzugten Zugang zum Finanzministerium gestattet. Allerdings gehörten die Großbanken bisher wie selbstverständlich zu der illustren Schar der derzeit 22 Primärhändler.

Doch die besonders starke Reaktion des JGB-Markts auf die Negativzinspolitik verwandeln dieses Privileg in eine Bürde. Denn Primärhändler müssen bei Auktionen vier Prozent der JGBs abnehmen. Doch inzwischen drohen eher Kosten als Gewinne.

Ende Januar führte die japanische Notenbank einen negativen Zins ein, deutlich später als die Europäische Zentralbank. Mit minus 0,1 Prozent auf nur einen Teil der Einlagen der Banken bei der Zentralbank galten die unmittelbaren Folgen als recht gering.

Doch es setzte eine „einmalige“ Entwicklung ein, erklärt die Ökonomin Sayuri Shirai, die bis März im geldpolitischen Ausschuss der Notenbank war und im Januar gegen die Einführung des negativen Zinses gestimmt hatte: Im Gegensatz zur Lage in Europa flachte sich die Zinskurve massiv ab. „Anleihen mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren sind nun in negativem Territorium“, sagt Shirai. Die Folge für Japans Banker: Während ihre deutschen Kollegen dank der steilen Zinskurve - mit steigender Laufzeit steigt auch die Verzinsung - noch immer Gewinne im Anleihehandel und bei Krediten machen können, sinkt die Profitabilität der japanischen Banken weiter. 

Der Grund: Die japanische Notenbank hat schon sehr früh mit ihrem Kaufprogramm für Staatsanleihen begonnen und beeinflusst damit den Bondmarkt schon seit Jahren. Seit 2001 kauft die Bank von Japan bereits JGBs in größerem Stil. 2013 erhöhte sie als das Kaufprogramm noch einmal drastisch und leistete damit ihren Beitrag zum Wirtschaftsprogramm von Ministerpräsident Shinzo Abe, der damit die Inflation im Land endlich wieder ankurbeln will.

Derzeit kauft sie für fast 80.000 Milliarden Yen jährlich japanische Staatsanleihen auf. Mehr als 30 Prozent der JGBs lagern daher schon ihren Tresoren. Gleichzeitig drängte sie damit Japans Banken und Versicherer aus den Bonds. In den vergangenen drei Jahren halbierten die Großbanken ihre JGB-Portfolios bereits nahezu.

Umso mehr schmerzt der negative Zins. Die Analysten der Deutschen Bank haben die Prognose der Mitsubishi UFJ Financial Group (MUFG für dieses Jahr untersucht. Danach würde der Negativzins den Gewinn im Kredit- und Derivategeschäft um 70 Milliarden Yen drücken. Dies entspräche 4,5 Prozent des Gewinns. Die Finanzgruppe Mizuho sagte einen negativen Einfluss von vier Prozent auf den Konzerngewinn voraus.

Stärker als die Großbanken dürften die Regionalbanken in die Klemme geraten, meinen Analysten. Denn die haben weniger alternative Einnahmequellen, weniger Know-how bei Anlagen in riskantere Papiere und weniger Chancen, so aggressiv wie die Riesen im Auslands zu expandieren. Doch auch die Eigenkapitalquoten der Versicherer, besonders der Lebensversicherer, kommen „signifikant“ unter Druck, meint Masao Muraki, Versicherungsanalyst der Deutschen Bank.

Darüber hinaus trübt die zweite Verschiebung der Mehrwertsteuererhöhung die Stimmung der Finanzinstitute, die Teil des bisherigen Sanierungsplans für den hochverschuldeten Staatshaushalt ist. Denn sollten die Kreditbewerter Japans Bonität herabstufen, dürften auch die Banken und meisten Versicherer mitgezogen werden. Und das bedeutet für sie höhere Kosten, wenn sie am Finanzmarkt Kapital aufnehmen wollen.

Kurzfristig erwartet niemand Probleme am JGB-Markt. Erstens verabschiedest sich selbst die MUFG nach dem Rückzug ihrer Bank nicht ganz aus dem Markt. Zwei Wertpapierhäuser der Finanzgruppe sollen laut der Nikkei Primärhändler bleiben. Zudem bleibt die Bank von Japan weiterhin dankbarer Abnehmer der Anleihen.

Mittel- und langfristig sieht die Wirtschaftszeitung Nikkei jedoch Gefahren. Bisher gingen die Zentralbank wie die Regierung davon aus, dass höhere Zinsen die Finanzinstitute wieder zurück auf den Anleihemarkt ziehen könnten. Doch einige Analysten sorgen sich, dass bei einer Kurswende der Notenbank weniger Finanzinstitute im Markt als Käufer aktiv sein könnten, und daraus Absatzprobleme folgen könnten.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent
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